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KINO: Kinopioniere neu entdeckt

An die 1500 Kurzfilme haben die Brüder Lumière gemacht. In einer einmaligen Zusammenstellung finden 108 davon nun den Weg auf die grosse Leinwand – als ein Film.
Regina Grüter
Gleich wird’s nass: Szenenbild aus «Der begossene Gärtner» (1895), Slapstick à la Lumière. (Bild: Filmcoopi)

Gleich wird’s nass: Szenenbild aus «Der begossene Gärtner» (1895), Slapstick à la Lumière. (Bild: Filmcoopi)

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

«Kino unterhält und bereichert.» Die Aussage des ersten bedeutenden Filmemachers, Louis Lumière, gilt heute noch genauso wie damals, am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert. Er und sein Bruder Auguste haben die erste praktische Kinokamera erfunden. Die Lumière-Kamera, der Kinematograf, war nur knapp 5,5 Kilogramm schwer, klein und leicht transportierbar. 1422 Filme à 50 Sekunden auf 35-mm-Zelluloid haben die Brüder und ihre Kameramänner damit gemacht, die nur zwischen 1895 und 1905 gezeigt wurden. 108 davon sind nun in einem einzigen Film zu ­sehen, in «Lumière! – L’aventure commence» von Thierry Frémaux.

Der Festivalleiter von Cannes und Direktor des Institut Lu­mière in Lyon hat die restaurierten «vues» (Ansichten) in einer aspect ratio von 1.33:1 und abgerundeten Ecken thematisch geordnet, mit Musik von Camille Saint-Saëns unterlegt und mit einem durchgehenden Kommentar versehen. Ein Kommentar, der vor Liebe zum Kino nur so strotzt und den Zuschauer begleitet auf einer Reise zu den Anfängen des Kinos.

Überraschender ­ Alltag

«Es gibt nur eine richtige Kameraposition», sagt der französische Filmemacher und Produzent von «Lumière!», Bertrand Tavernier. Die ersten Filme von Louis Lumière stellten simple Ereignisse dar: Arbeiter, die die Fabrik des Vaters verlassen, Männer beim Kartenspiel, eine Familie beim Essen oder, eines der berühmtesten Beispiele, ein Zug, der in den Bahnhof einfährt («Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat», 1896). Wie macht man solch alltägliche Begebenheiten für ein Publikum interessant? Die Antwort gibt Tavernier, und die Lumière-Brüder gehörten zu den Ersten, die das verstanden haben. Der Kinematograf erlaubte es auch, die Filme auf eine Leinwand zu projizieren. Eine der ersten öffentlichen Vorführungen von bewegten Bildern fand am 28. Dezember 1895 beim Grand Café in Paris statt.

Die Ankunft des Zuges wurde nicht frontal aufgenommen. Durch die schräge Kameraposition teilt der einfahrende Zug das Bild diagonal in zwei Hälften: So erhält der Bildausschnitt Tiefe, und man sieht die wartenden Passagiere nicht von hinten, sondern bekommt eine lebendige Ansicht vom bunten Treiben auf dem Perron. Die Angst der zahlenden Gäste, der Zug könnte die Leinwand durchkreuzen, untermauert die Bedeutung der Brüder Lumière zwar nicht als Erfinder, aber als die wahren Begründer des Kinos: Film schauen als kollektives, kostenpflichtiges ­Erlebnis, wo Alltägliches aus ungewöhnlichem Blickwinkel mit dem einen oder anderen überraschenden Ereignis erzählt wird.

Der Welt ­ die Welt zeigen

Thierry Frémaux weist in seinem reichen Kommentar auf technische und ästhetische Aspekte hin und ordnet die Bilder in die Zeit ihrer Entstehung ein – durch Verweise auf andere künstlerische Strömungen wie Fotografie, ­Malerei, Literatur oder Tanz. Auch führt er dem heutigen ­Betrachter vor Augen, wie durchkomponiert die Bilder sind und wie inszeniert das ist, was sich vor der Kamera abspielt. Die Brüder Lumière waren Regisseure, die den «Schauspielern» Anweisungen gaben, wie sie sich vor der Kamera verhalten sollen. Dokumentarfilm oder Fiktion? Manchmal reine Fiktion, aber sicher ­immer beides. Die Filme beweisen Fantasie und Humor, bei den Lumières gibt es sogar Slapstick.

Bald schon schickte Louis ­Lumière seine Kameramänner in die ganze Welt hinaus, um «der Welt die Welt zu zeigen» – zu einer Zeit, als eine Reise von Lyon in den Süden Frankreichs etwas Besonderes war. Kinosäle in London und Berlin wurden ­eröffnet. Die Lumière-Filme inspirierten Regisseure wie Akira Kurosawa oder Yasujiro Ozu, John Ford oder Martin Scorsese. All das dokumentiert «Lu­mière!». Der erste lange Film der ­Kinopioniere ist ein absolutes Muss für jeden, der sich auch nur ein bisschen für Film interessiert. Unterhaltend und bereichernd, überraschend und berührend.

Hinweis

Das Stattkino Luzern zeigt ­«Lumière!» anlässlich seines 25-Jahr-Jubiläums am Sonntag, 5. 11., 13.30 Uhr; Mittwoch, 8. 11., 18.30 Uhr; Sonntag, 19. 11., 11 Uhr.

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