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KINO: Léa Pools neuer Film: Dann heiraten wir eben

Die erste Schwärmerei hält Aïcha für die grosse Liebe. In «Et au pire, on se mariera» zeigt Léa Pool, wie diese Diskrepanz in die Katastrophe führt. Nach der Vorführung heute Abend spricht die Regisseurin über ihren Film.
Regina Grüter
Sie braucht eigentlich nur eine väterliche Schulter zum Anlehnen: Sophie Nélisse als Aïcha und Jean-Simon Leduc als Baz. (Bild: Filmcoopi)

Sie braucht eigentlich nur eine väterliche Schulter zum Anlehnen: Sophie Nélisse als Aïcha und Jean-Simon Leduc als Baz. (Bild: Filmcoopi)

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Zufällig wird Isabelle Zeugin, wie ihre Tochter Aïcha in ein Polizeiauto verfrachtet wird. Was wie ein Krimi beginnt, ist in Wahrheit die Geschichte eines 14-jährigen Mädchens, das sich immer tiefer im Widerspruch von Wunschtraum und banaler Realität verstrickt. In «Et au pire, on se mariera» schildert Aïcha der Polizei, wie es zur Tragödie kam – ganz aus ihrer Perspektive. Nein, sie erzählt ihre ganze Lebensgeschichte, beim Verhör beinahe frontal gefilmt, auch dem Zuschauer. Sie malt aus, flunkert vielleicht manchmal auch ein bisschen. Man weiss es nicht so recht.

Aïcha lebt allein mit ihrer Mutter, die als Altenpflegerin arbeitet. Der Stiefvater hat sie vor langer Zeit verlassen. Nach der Schule ist der Teenager auf sich allein gestellt. Gleichaltrige Freunde hat sie keine, die sind ihr wohl zu langweilig. Auf ihren ­Skates rollt sie durch die südlichen Strassen von Montréal, vorbei an mit Graffiti besprühten Mauern, durch Unterführungen, über verlassene Spiel- und Parkplätze.

Grosse Zärtlichkeit ­ in Nebenbeziehungen

Dass hinter der Fassade der rotzigen Göre eine verletzte Kinderseele steckt, die nach Liebe und Aufmerksamkeit sucht, ist von Beginn an klar. Auch Baz. Der Mittzwanziger rettet Aïcha vor einem aggressiven Obdachlosen. Der Teenager verliebt sich unsterblich. Selten und umso eindringlicher sind die Momente, in denen Aïcha sich verletzlich zeigt und mütterliche Nähe zulässt.

Viel Zärtlichkeit aber liegt in den szenischen Beschreibungen der Beziehungen zum Krämer an der Ecke, zu den beiden Transvestiten, die sich auf der Veranda für den Strassenstrich herrichten, und natürlich zu Baz. Der Musiker, der sich als Koch seinen Lebensunterhalt verdient, kümmert sich brüderlich um das scheinbar entwurzelte Mädchen. «Wenn alles zu kompliziert wird, heiraten wir eben», meint Aïcha lakonisch. Es spricht aus ihr die kindliche Unschuld; sie konnte nicht im Leisesten erahnen, wohin das noch alles führen würde.

Zuletzt war Léa Pool mit «La passion d’Augustine» in unseren Kinos. Damals stellten wir die Frage der Alterssentimentalität, vermisste man doch bei der in einem Mädchenkonvent spielenden musikalischen Tragikomödie die aufrichtige und schmerzhafte Auseinandersetzung mit Emotionen. «Emporte-moi» (1999) und «Lost And Delirious» (2000) strotzten nur so davor, und ihr vielleicht bekanntester Film «Maman est chez le coiffeur» ging sehr zärtlich damit um.

«Et au pire, on se mariera» nach dem Roman von Sophie Bienvenue – sie hat zusammen mit Pool das Drehbuch verfasst – hat wieder diese rohe, jugend­liche Kraft. Sophie Nélisse («Monsieur Lazhar», «The Book Thief») spielt die Rolle der Aïcha grandios – sie wurde gestern 18 Jahre alt. Zusammen mit Karine Vanasse als Isabelle trägt sie den Film. Doch auch Baz ist mit dem wenig bekannten Jean-Simon Leduc sehr gut besetzt.

Léa Pool kehrt ­ zu alter Stärke zurück

Die Entwicklung Vanasses von der jugendlichen Hauptfigur in «Emporte-moi» zur Mutter in «Et au pire, on se mariera» ist eine schöne Anekdote einerseits. Andererseits fügt sich diese Wandlung wunderbar in Léa Pools thematischen Kosmos. Die Genferin, die seit mehr als vierzig Jahren in Québec lebt, hat sich mit ihren mittlerweile 67 Jahren als eine der besten Regisseurinnen für die widerstrebenden Gefühle pubertierender Mädchen neu er­funden.

Hinweis

«Et au pire, on se mariera»: heute Mittwoch, 20 Uhr, Vorpremiere in Anwesenheit der schweizerisch-kanadischen Regisseurin Léa Pool. Ab morgen regulär im Stattkino (Luzern).

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