KINO: Lieben, ohne die Gefahr zu scheitern

Eigentlich hat Ivan mit der Liebe abgeschlossen. Sieben Tage auf einer ­ kleinen Insel lassen ihn in Rolando Collas Drama «Sette giorni» das Leben mit anderen Augen sehen.

Regina Grüter
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Ivan (Bruno Todeschini) und Chiara (Alessia Barela) lassen ihrer Leidenschaft für kurze Zeit freien Lauf. Doch kann man die Liebe kontrollieren? (Bild: Filmcoopi/PD)

Ivan (Bruno Todeschini) und Chiara (Alessia Barela) lassen ihrer Leidenschaft für kurze Zeit freien Lauf. Doch kann man die Liebe kontrollieren? (Bild: Filmcoopi/PD)

Sieben Tage, «Sette giorni», verbringen Ivan (Bruno Todeschini) und Chiara (Alessia Barela) auf der Insel Levanzo vor Sizilien. Der französische Botaniker und die italienische Kostümbildnerin haben sich noch nie vorher gesehen. Die Aufgabe, das Hochzeitsfest für Ivans Bruder und Chiaras beste Freundin gemeinsam auszurichten, stösst nicht bei beiden auf gleich grosse Begeisterung. Die Insel, auf der Rolando Collas Liebesdrama «Sette giorni» angesiedelt ist, ist klein, die Menschen sind alt. So auch die Pension, wo die Hotelgäste untergebracht werden sollen.

Ivan wäre am liebsten gar nicht hier, würde sich lieber ganz seinen botanischen Studien widmen. Erst die Leidenschaft, mit der sich Chiara ans Werk macht – sie näht das Hochzeitskleid –, bewirkt einen Umschwung. Er und sein Bruder Richard (Marc Barbé) standen sich nie besonders nahe, Chiara und die Braut Francesca (Linda Olsansky) jedoch sind durch die gemeinsame Drogenvergangenheit tief verbunden.

Eine Liebe ­ ohne Verpflichtungen

Ivan glaubt nach der letzten gescheiterten Beziehung eigentlich nicht mehr an die grosse Liebe. Er verhält sich wie ein eitler, arroganter Gockel, und es bleibt schwer nachvollziehbar, wie sich Chiara in ihn verliebt. Und doch setzt Rolando Colla die Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern, die alle Regeln des bisherigen Zusammenlebens ausser Kraft setzten kann, letztlich glaubhaft um. Der Vorschlag, ihre Leidenschaft für genau diese sieben Tage zu leben, entspricht dem in Liebesdingen desillusionierten Ivan. Ein Abenteuer ohne Verpflichtungen. Und ohne die Gefahr, zu scheitern. Dass auch Chiara ihre guten Gründe hat, sich auf die Abmachung einzulassen, ahnt er noch nicht.

Traumhafte Bilder von der kargen Insel

Wie Rolando Collas letzter Langspielfilm «Giochi d’estate», mit dem er mehr als verdient 2012 den Schweizer Filmpreis gewonnen hat, zeichnet sich «Sette giorni» durch eine hervorragende Kameraarbeit und ein authentisches Darstellerensemble aus. In seiner Konsequenz optimistischer, ist es wieder ein Film über die Liebe, über Beziehungen, Familie und Freundschaft. Die Traumbilder von der kargen, in der Zeit stehen gebliebenen Insel widerspiegeln die Sehnsucht nach der einen grossen Liebe, mit der man alt wird. Besonders schön ist auch, wie Colla die Inselbewohner – diesen Mikrokosmos, wo alle einander helfen, zusammen singen und tanzen – miteinbezieht.

An einem alten Paar sieht Ivan denn auch, dass alles nicht so einfach ist; dass nicht immer alles so ist, wie es von aussen betrachtet den Anschein macht. So ist er, der sich anfänglich verhält wie ein kleiner, egozentrischer Junge, die Hauptfigur. Nämlich die Figur, die wächst. Er erfährt, was es für Auswirkungen auf einen selbst hat, wenn man etwas nur für jemand anderen tut. Wann kann ich selbstlos, wann muss ich egoistisch handeln? Bruno Todeschini verkörpert diese innere Wandlung äusserst überzeugend. An der Seite von Alessia Barela, die bereits in «Giochi d’estate» mitwirkte, fällt das auch nicht schwer. Diese Frau besitzt eine ganz besondere Ausstrahlung.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Regina Grüter
regina.grueter@luzernerzeitung.ch