KINO: «Moonlight» – Über die Sinne direkt ins Herz

Mit «Moonlight» hat bei den diesjährigen Oscars der richtige Film gewonnen. Diese Woche startet er in unseren Kinos. Tiefe Emotionalität und eine einzigartige Filmsprache ­öffnen die Geschichte des Afroamerikaners Chiron für alle.

Regina Grüter
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Chiron, genannt «Little» (Alex Hibbert), im blauen Mondlicht von Miami. (Bild: DCM)

Chiron, genannt «Little» (Alex Hibbert), im blauen Mondlicht von Miami. (Bild: DCM)

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Es ist heiss. Das Licht ist weiss. Aus den Autoboxen dröhnt «Every Nigger Is A Star» in einer Remix-Version. Die Songzeilen von Boris Gardiner aus dem Jahr 1973 sind Programm in Barry Jenkins’ «Moonlight», der vor einer guten Woche den Oscar als bester Film gewonnen hat. Sie erzählen von der Erinnerung an sonnige und blaue Orte und von einem Gefühl des Stolzes, das sich der Amerikaner dunkler Hautfarbe aller Widrigkeiten zum Trotz nicht nehmen lässt. Und von der Hoffnung auf einen Platz an der Sonne, wo es Liebe für alle gibt.

Sonnig und blau, so zeigt sich auch das verruchte Miami, wo Juan (Mahershala Ali ) aus seiner protzigen Karre steigt und eine seiner Ecken kontrolliert. Die Handkamera umkreist ihn sowie seinen Kleindealer und etabliert den verwahrlosten Stadtteil ­Liberty City mit einer Schönheit des Verfalls.

Chiron, von allen «Little» genannt, wächst dort auf, mit einer alleinerziehenden, drogensüchtigen Mutter (Naomie Harris). Ausgerechnet Juan nimmt sich des 10-Jährigen an, der den Mitschülern durch seine stille, sensible Art ein Dorn im Auge ist. Die Figur des Juan lässt hinter die Fassade des stereotypen Drogendealers blicken. In Chiron sieht Juan eben auch sich selbst. «In Moonlight Black Boys Look Blue», habe einst eine alte Frau zu ihm gesagt. Und das ist es, was Jenkins zeigen will: dass schwarze Haut nicht gleich schwarze Haut und schwarzes Leben nicht gleich schwarzes Leben ist.

Aus Little ­ wird Chiron

Littles kindliche Unschuld endet mit drei Erkenntnissen: Er könnte schwul sein (auch wenn er noch keine Vorstellung davon hat, was das bedeutet). Juan verkauft Drogen. Seine Mutter nimmt Drogen.

Gardiner singt in «Every Nigger Is A Star» von Einsamkeit, vom Leben auf der Strasse, von Hass und Verachtung. Chiron, inzwischen an der High School, lebt immer noch in steter Angst vor Drangsalierungen. Entweder du gehörst dazu oder nicht.

Das muss auch Kevin erfahren, der einzige, der immer zu Chiron gehalten hat. Mit ihm, der in fröhlich-extrovertierter Manier von seinen Abenteuern mit Mädchen prahlt, macht Chiron seine erste sexuelle Erfahrung. Wenn es aber um die Frage der Zugehörigkeit geht, tut Kevin jedoch, was getan werden muss.

«Moonlight» ist so etwas wie ein Gegenentwurf zum GangsterRap Ende der 1980er-Jahre, der Gewalt und Drogen im Ghetto – mit kritischem Unterton notabene – verherrlicht. Gangster-Rap ist Protest. Und Trotz. «Seht her, wir sind, wie ihr uns haben wollt», scheinen N.W.A oder Ice-T zu sagen. Auch dem politisch-aggressiven Stil von Public Enemy und deren Song «Fight The Power» in Spike Lees «Do The Right Thing» (1989) weiss Regisseur Barry Jenkins etwas anderes entgegenzusetzen.

Die Filmsprache ist sanft wie seine Hauptfigur

Während Lees Film zwischen Wut und dem Wunsch nach Verständigung, zwischen Hip-Hop- und Jazz-Soundtrack oszilliert, ist «Moonlight» nicht wütend, oder zumindest nur in seinen Auslassungen – Bandenkriminalität, Drogenprostitution, Jugendknast. Die Filmsprache ist sanft wie seine Hauptfigur, die sich um des Überlebens willen eine harte Schale zulegen muss.

Der gesamte Film ist dabei wie von einem pastellfarbenen Schleier überzogen. Die verletzte Seele zeigt sich in Schlüsselszenen – wenn sich Little Wasser für ein Bad aufkocht, wenn Chirons musikalisches Leitmotiv die verzweifelten Rufe der Mutter nach Geld verdrängt, die Aussengeräusche immer lauter werden und die Aussenwelt in den Farben Grün, Gelb und Blau hell erstrahlt. Die ästhetische Überhöhung bewirkt, dass die Geschichte über die Sinne direkt ins Herz geht.

Zwei Figuren mit je drei starken Darstellern

Neben der Farbgebung und der Kameraführung (James Laxton), sind es die Auslassungen auf der Tonspur und der Soundtrack von Nicholas Britell (beide Oscar-nominiert), die «Moonlight» zu einer einzigartigen cineastischen Erfahrung machen. Und die verletzte Seele spricht aus den Augen der je drei starken Hauptdarsteller in den Rollen von Chiron (Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes) und Kevin (Jaden Piner, Jharrel Jerome, Andre Holland).

In «Moonlight» steckt viel von Barry Jenkins und Tarell ­Alvin McCraney, auf dessen Theaterstück der Film basiert. Es sind eigene, spezifisch afroamerikanische Erfahrungen und allgemein menschliche, wie der Wunsch nach einem Platz an der Sonne, nach Liebe und Zugehörigkeit. Von solch emotionaler Tiefe gibt es derzeit nichts Vergleichbares.

Bewertung: 5 von 5 Punkten