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KINO: «Neruda» – Realer Poet gegen fiktiven Polizisten

Pablo Larraín hat mit seinem neusten Werk «Neruda» einen brillanten Noir-Krimi geschaffen. Ein kunstvolles Katz-und-Maus-Spiel um den chilenischen Dichter Pablo Neruda zwischen Fantasie und Realität.
Andreas Stock
Luis Gnecco (Mitte) als Pablo Neruda in «Neruda». (Bild: outnow.ch/PD)

Luis Gnecco (Mitte) als Pablo Neruda in «Neruda». (Bild: outnow.ch/PD)

Noch läuft «Jackie» in unseren Kinos, da kommt bereits der nächste Film von Pablo Larraín: «Neruda» hatte der chilenische Regisseur unmittelbar vor ­«Jackie» abgedreht, und er hatte sie fast parallel entwickelt.

«Ich wollte erst keinen Film über Neruda drehen», erzählte Pablo Larraín beim Gespräch im Rahmen des Zurich Film Festival. «Neruda war ein widersprüchlicher, vielschichtiger Mensch. Ein grossartiger Koch, ein Experte für Weine und Literatur. Er genoss das Leben in vollen Zügen. Er liebte die Frauen, er ging ins Bordell, er reiste durch die Welt und sammelte Dinge. Er war der grösste Poet unserer Sprache, ein Anführer der kommunistischen Partei und Politiker. So einen Menschen kann man nicht fassen und in einen Film packen.»

Dann fanden er und Drehbuchautor Guillermo Calderón einen Weg, sich der komplexen, ikonischen Figur anzunähern: «Wir haben kein Biopic, sondern ein Anti-Biopic entwickelt», sagt Larraín. Ähnlich wie bei «Jackie», der auf die wenigen Tage nach dem Attentat auf John F. Kennedy fokussiert, beschränkt sich «Neruda»auf knapp eineinhalb Jahre im Leben des späteren Nobelpreisträgers für Literatur. Es beginnt 1949, in Chile wird die kommunistische Partei verboten, und auch Neruda (Luis Gnecco), kommunistischer Abgeordneter und scharfzüngiger Kritiker der Regierung, gerät ins Visier von Präsident Gabriel Gonzales Videla. Der beauftragt den Polizisten Oscar Pelechonneau (Gael Garcia Bernal), Neruda zu verhaften.

Calderón und Larraín zeigen Neruda als brillanten Autor und politischen Kämpfer, aber auch als selbstverliebten Genussmenschen. Doch es ist ebenso ein Film über Oscar Peluchonneau. Eine fiktive Figur, die dem realen Dichter entgegengestellt wird. Der Polizist träumt einen eigenen Traum von Grösse und Anerkennung: «Ich bin keine Nebenfigur», sagt Peluchonneau einmal.

«Mich interessierte nicht die Jagd, sondern der Jäger», sagt Larraín. Peluchonneau sucht seine Identität, er will Held dieser Geschichte sein, von der sowohl er wie Neruda glauben, sie zu schreiben. Das verbindet den Film mit «Jackie»: Er zeigt Menschen, die an ihrer Legende schreiben, die ihr Vermächtnis zu kontrollieren versuchen. Und es fesselt, wie nahe der Chilene seinen Charakteren dabei kommt, wie er ein Psychogramm zeichnet. «Ich will atmen, wie sie atmen», formuliert er es.

Inszeniert ist das auf ungewöhnliche, künstlerisch bestechende Weise. «Neruda» wirkt teils wie ein Noir-Film aus den 40er-Jahren, ein Thriller, worin die Antagonisten ein Katz-und-Maus-Spiel aufführen. Es ist aber auch ein Roadmovie, eine schwarze Komödie und am Ende ein Western im Schnee. Den Stil-Mix beschreibt Larraín als «Neruda-Cocktail»; was wild klingen mag, ist Sinnbild für das Selbstbild der Figuren, eine Welt, die aus den Fugen gerät, steht aber auch für die Kraft der Poesie.

Filmische Symbiose der Poesie Nerudas

Visuell ist das berauschend, mit einer Kamera, die kaum zur Ruhe kommt und deren Farbtöne von Lila und Pink immer mehr ins Blaue und Graue wechseln. Der fliessende Rhythmus, die Bildkomposition, die verschachtelte Erzählstruktur, all das versteht sich als filmische Symbiose der Poesie Nerudas. «Es ist schwierig, das zu erklären», sagt Larraín, «es ist wie bei der Musik, manchmal muss man einfach zuhören, um es zu verstehen. Wir haben seine Poesie in uns aufgesaugt und versucht, daraus eine filmische Sprache zu schaffen.»

«Neruda» ist wie «Jackie» ein faszinierendes filmisches Prisma, das seinen Figuren mittels Fiktion auf den Leib rückt und damit tief zu schürfen vermag. Doch Larraín belässt ihnen ihr Geheimnis: «Wenn Sie verstehen wollen, wer Neruda war, wie er es verstand, unser Land und unsere Gesellschaft zu beschreiben, dann lesen Sie Neruda.» Pablo Larraín erklärt sein filmisches Credo so: «Die Essenz des Kinos enthält für mich immer ein Geheimnis, das finde ich faszinierend. Ich verlasse mich darauf, dass der Zuschauer intelligent genug ist und mitdenkt.»

Andreas Stock

kultur@luzernerzeitung.ch

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