KINO: «Per Song» und die Wichtigkeit der Liebe

Der Dokumentarfilm «Per Song» des Chinesen Shuchang Xie zeigt eine Hand voll Grossstadtmenschen auf nächtlichen Streifzügen und auf ihrer Suche nach Liebe.

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In «Per Song» erlebt man viele Liebesversuche. (Bild: PD)

In «Per Song» erlebt man viele Liebesversuche. (Bild: PD)

Wie sehr sich das Leben in vielen Metropolen auf unserem Planeten angleicht, dafür ist China ein gutes Beispiel. Vereinzelung, Konsum, Verlust familiärer Bindungen, flüchtige Begegnungen – all diese Phänomene wären noch vor wenigen Jahrzehnten im Reich der Mitte undenkbar gewesen, heute sind sie Alltag.

Genau davon erzählt das Filmdebüt von Shuchang Xie, und dass er dem Film ein Gedicht der 1886 verstorbenen Emily Dickin­son aus den USA voranstellt, das sich um Sonne, Schatten und Wildnis dreht, mag die Zeitlosigkeit des Geschehens in «Per Song» verdeutlichen. Der Film spielt in Chongqing, einer der grössten Städte der Welt, und die fünf Protagonisten und Protagonistinnen mit Fantasienamen wie «Faultier», «Yoyo» oder «Shrek», sind daran, sich auf nächtliche Clubgänge vorzubereiten. Fragt man sich anfänglich noch, wo die scheinbar zufällig eingefangenen Gesprächssituationen – bei denen auch die Kamera immer wieder Thema wird – wohl hinführen sollen, verflüchtigt sich dieser Eindruck rasch.

Nervös tanzender Vollmond

Mit zunehmender Dauer wird der Film, der als Kontrast auch die Stadt in berückend schönen Pa­noramaaufnahmen leitmotivisch ins Bild rückt, zu einer Meditation über die Wichtigkeit der Liebe. «What Is This Thing Called Love?», fragte einst ein Song von Cole Porter und gab das Lebensgefühl New Yorks der 1920er-Jahre wieder. Man fühlt sich an diesen Titel erinnert, wenn man die Liebesversuche und -nöte dieser Menschen erlebt.

Und dass der 1988 in Schanghai geborene Shuchang Xie seit einigen Jahren in Hamburg lebt und die dortige Kunstakademie absolviert hat, passt perfekt zur Universalität dieses Film. Und die betörenden Sequenzen, die bisweilen an die Grenzen zu Videoinstallationen gehen, verdeutlichen Xies Hintergrund. Am schönsten spürbar ist dies in einer langen Autofahrt, bei der einer der Protagonisten aus dem Off von seiner HIV-Erkrankung erzählt und die Kamera den durch Baumwipfel und Hochhausfassaden scheinbar nervös tanzenden Vollmond einzufangen versucht.

Und es verwundert nicht, wenn bei den Verdankungen bekannte Namen erscheinen: Wim Wenders und Angela Schanelec. In der Verlorenheit seiner Figuren erinnert «Per Song» an frühe Filme von Ersterem, und Letztere – eine der bekanntesten Exponentinnen der «Berliner Schule» – war nicht nur Beraterin, sondern auch für die Montage der ineinandergleitenden langen Einstellungen verantwortlich. Am letzten Filmfestival in Locarno lief von ihr ein rätselhafter Film, «Der geträumte Weg». Der Titel würde auch perfekt zu Shuchang Xies Grossstadtsymphonie passen.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

 

Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch