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KINO: Pio will die Dinge auf seine Weise regeln

In «Pio» erzählt Jonas Carpignano («Mediterranea») von einem Roma-Jungen, der unbedingt seine Unschuld verlieren will. Und der dafür einen Preis zahlt. Eine wunderbare Charakter- und Milieustudie.
Schlitzohr mit Herz: Pio (Pio Amato, hinten) mit seinem Freund Ayiva (Koudous Seihon) aus Burkina Faso. (Bild: DCM)

Schlitzohr mit Herz: Pio (Pio Amato, hinten) mit seinem Freund Ayiva (Koudous Seihon) aus Burkina Faso. (Bild: DCM)

In einer späten Szene des Films erzählt Cosimo seinem kleinen Bruder Pio vom Gefängnis. «Du willst wissen, wie es im Knast war? Uns fehlt es da an nichts. Wir werden von allen respektiert, auch von den Italienern.» Es sind die afrikanischen Immigranten, die zuunterst auf der sozialen Leiter stehen. Auch im Gefängnis.

Cosimo (Damiano Amato) und Pio (Pio Amato) gehören zu einer Roma-Grossfamilie, die in der süditalienischen Stadt Gioia Tauro in der Gemeinde Ciambra lebt und sich mit Autodiebstählen oder Einbrüchen ein Einkommen sichert. Mit «Pio» (früher «A Ciam­bra») führt Regisseur und Drehbuchautor Jonas Carpignano einerseits die Arbeit an seinem Langspielfilm «Mediterranea» (2015) fort, schafft aber auch einen eigenständigen Film mit dem 14-jährigen Pio im Zentrum.

An echten Orten mit ­Laiendarstellern gedreht

In «Mediterranea» ging es um die afrikanischen Immigranten Ayiva (Koudous Seihon) und Abas, die sich nach der gefährlichen Überfahrt in ihrer neuen Heimat zurechtzufinden versuchen. Und auch Pio war schon mit von der Partie. Neu geht es um die Rolle der Roma in Gioia Tauro und ihre Beziehung zu den Einwanderern aus Afrika. In der Ciambra machen viele Vorurteile gegenüber dieser neuen Gruppe die Runde, die Pio nicht teilt. Er betrachtet Ayiva als Freund.

Fasziniert ist er auch von Cosimo, dem er nacheifert. Er, der an der Schwelle zum Erwachsenenalter steht, will bei den Grossen mitmischen, wird aber zu seinem eigenen Schutz immer wieder abgewimmelt. Als der Vater und der Bruder verhaftet werden, sieht sich Pio in der Pflicht, die Familie über Wasser zu halten.

Jonas Carpignano dreht stets an echten Orten und mit Laiendarstellern. Für «Pio» konnte er den ganzen Amato-Clan von einer Mitarbeit überzeugen. Die Ciambra, wo sich links und rechts neben den Wohnhäusern der Abfall ansammelt und sich die Kinder draussen auf den ungeteerten Strassen rauchend die Zeit vertreiben, entfaltet ihren eigentümlichen Charme in dieser realistischen Charakterstudie. Der Umgang der Familienmitglieder untereinander ist grob und herzhaft zugleich. Die Strukturen sind patriarchal-hierarchisch in dieser gottvergessenen Gegend in Kalabrien, wo die Polizei regelmässig ihre Aufwartung macht.

Wie viel der Familie Amato steckt denn tatsächlich im Drehbuch? «Biografische Elemente der Amato-Familie haben einen ähnlich grossen Einfluss auf die Geschichte gehabt, wie Koudous Seihons Schicksal ihn auf ‹Mediterranea› gehabt hatte», sagt Jonas Carpignano in einem Interview. «Ich versuchte ihre Erfahrungen beim Dreh möglichst authentisch umzusetzen, ohne dabei auf ein Mindestmass an Dramaturgie verzichten zu müssen.» In «Pio» spitzt sich die Situation dramatisch zu, als der Teenager sich zwischen Familie und Freund entscheiden muss. Dem Gewissenskonflikt vorausgegangen sind wunderbare Szenen zwischen Pio und Ayiva. Und auch in einem Flüchtlingslager, wo eine Nigerianerin zu Pio meint: «Zigeuner sind lustig. Ich mag Zigeuner.»

Der Grossvater reitet in Zeitlupe ums Lagerfeuer

Vorurteile auf beiden Seiten, doch bedroht sehen sich die Neuankömmlinge nicht von den Roma. Auch Pio steht da eigentlich drüber. Doch es ist schwer, Strukturen zu überwinden. «Früher waren wir immer unterwegs, auf der Strasse. Wir waren unser eigener Herr. Heute heisst es, wir gegen die Welt.» Das sind die letzten Worte, die Pios Grossvater an seinen Enkel richtet. Aber er wird ihm noch im Traum erscheinen. Mit einem Pferd.

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Pio» («A Ciambra») startet heute im Kino Bourbaki (Luzern).

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