KINO: Politischer Schandfleck der Schweiz

Der Eröffnungsfilm der 52. Solothurner Filmtage «Die göttliche Ordnung» von Regisseurin Petra Volpe handelt vom Kampf fürs Frauenstimmrecht. Und bietet Einblick in eine alte, muffige Phase unseres Landes.

Benno Tuchschmid
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Szene aus «Die göttliche Ordnung»: Nora (Marie Leuenberger) versucht, ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger vom Frauenstimmrecht zu überzeugen. (Bild: Daniel Ammann/PD)

Szene aus «Die göttliche Ordnung»: Nora (Marie Leuenberger) versucht, ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger vom Frauenstimmrecht zu überzeugen. (Bild: Daniel Ammann/PD)

Nora hält den Spiegel irgendwann dann doch zwischen die Beine. Die Hausfrau aus dem züchtigen Appenzell sitzt in Zürich in einem Workshop über die weibliche Sexualität. Nora – die noch nie einen Orgasmus hatte, noch nie abstimmen durfte und ihren Mann um Erlaubnis bitten muss, wenn sie Teilzeit arbeiten will – beginnt sich selber zu entdecken. Auf allen Ebenen: Willkommen in der Schweiz von 1971!

Nicht nur Nora (gespielt von Marie Leuenberger) erkundet in «Die göttliche Ordnung» ihre Schamregion. Auch für die Zuschauer wirkt der Film von Petra Volpe wie ein Rückspiegel in eine beschämende Schweiz. Ein Land, in dem übel gelaunte Grossväter in Pantoffeln von der Stube aus nach mehr Bier rufen und nichts wichtiger scheint, als was die Nachbarn denken. Eine Schweiz, die heute auf den ersten Blick unendlich weit entfernt scheint.

«Ich erkenne diese alte Schweiz heute immer noch»

Doch Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe sagt: «Ich erkenne diese alte Schweiz heute immer noch.» Die Angst vor dem Fremden und vor der Veränderung sei noch immer weit verbreitet. Und nichts anderes sei der Kampf gegen das Frauenstimmrecht gewesen.

«Die göttliche Ordnung» eröffnet am Donnerstag die 52. Solothurner Filmtage. Es ist die neueste Arbeit der derzeit erfolgreichsten Filmschaffenden der Schweiz, Petra Volpe. Aufgewachsen in Suhr AG, lebt sie heute in Berlin und New York. Volpe schafft wie nur ganz wenige im Schweizer Film den Spagat zwischen Art House und Blockbuster, zwischen Nische und Masse. Sie schrieb das Drehbuch für «Heidi», den erfolgreichsten Schweizer Film aller Zeiten, der in den ersten fünf Wochen im deutschsprachigen Raum 1,5 Millionen Zuschauer ins Kino lockte. Sie inszenierte aber auch kompromisslose Filme wie «Traumland», einen Film über Prostitution und Liebe, der sie zu einem Liebling der Filmkritiker machte.

In ihrem neusten Werk verbindet sich die Optik der Heidi-Schweiz mit einer Geschichte, die sich einem der politischen Schandflecke der modernen Schweiz widmet. Damit könnte sie ein breites Publikum erreichen, vielleicht sogar ein internationales. Die dänische Distributionsgesellschaft Trustnordisk vertreibt den Film global.

«Die göttliche Ordnung» ist eine zärtlich erzählte, humorvolle Geschichte mit vielen nostalgischen Elementen – Zinksalbe auf dem Nachttisch, Vivi Kola im Kühlschrank –, die in ihrem Kern aber zutiefst politisch ist. «Natürlich ist seit 1971 gesetzlich viel passiert in der Gleichstellung», sagt Petra Volpe, «aber es ist schockierend, wie viele Forderungen von damals immer noch aktuell sind.» Volpes Film zeigt eindrücklich, dass das fehlende Stimmrecht nur eine Form der Unterdrückung der Frau war. Dazu kam die Unterdrückung am Arbeitsplatz, in der Justiz und im Bett. Der Film schafft die beklemmende Gewissheit, dass diese Schweiz für Frauen nichts anderes als ein Unrechtsstaat war.

Die Zeit ist reif für den Film. Zum ersten Mal seit langer Zeit machen sich Frauen wieder lautstark bemerkbar. Wochenlang diskutierte die Schweiz 2016 in der Aufschreidebatte über Sexismus und Diskriminierung. Volpe spürte bei der Finanzierung des Films, dass der Stoff einen Nerv trifft. «Es war viel einfacher, an Geld zu kommen als bei anderen Projekten.» Dieses Geld war nötig, die Produktion war teuer. «Historische Filme sind aufwendig, etwa weil Kleidung und Frisuren stimmen müssen.»

In den Film fliessen auch verstörende Phänomene ein wie die Anti-Suffragetten, die vehement gegen das Stimmrecht kämpften. «Das waren oft gebildete und gut situierte Frauen, die sich in der Gesellschaft einen Status erarbeitet hatten und nicht wollten, dass künftig auch ihre Köchinnen etwas zu sagen hatten.»

Lücke filmisch geschlossen

Ein solcher Film hat in der Schweiz bisher gefehlt. Eigentlich erstaunlich – das fehlende Frauenstimmrecht gehört im negativen Sinn genauso zum Schweizer Image wie die restriktive Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs oder das Swissair-Grounding.

Volpe hat die Lücke geschlossen – und damit nicht überall nur Freude ausgelöst. «Im Appenzellerland hörte ich mal die Frage: Müsst ihr das unbedingt bei uns drehen?» Auch wenn Volpe das Appenzell nur aus visuellen Gründen als Drehort wählte: Die prominente Rolle dieser Region ist verdient. Die beiden Appenzeller Halbkantone führten das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene erst 1989 und 1990 ein.

Benno Tuchschmid

kultur@luzernerzeitung.ch

Jenische, Gefängnis und Erfolge

Solothurn 179 Spielfilme, Dokfilme, Kurzfilme, Animationsfilme oder Musikclips in einer Woche, das sind die 52. Solothurner Filmtage. Die Werkschau des Schweizer Films zeigt ab Donnertag, was die Filmszene zu bieten hat.

Premiere feiert etwa «Unerhört jenisch». Karoline Arn und Martina Rieder gehen in ihrem Dokfilm auf eine musikalische Spurensuche. Auf den ersten Blick verbindet den Chansonnier Stephan Eicher und die Volksmusikkapelle Bündner Spitzbueba nicht viel. Doch Eicher wie auch die Familie Waser, aus der die Kapelle besteht, haben jenische Vorfahren. Das Regieduo zeigt, wie viel Schweizer Ländler und Eichers Weltmusik gemeinsam haben. «Unerhört jenisch» ist nominiert für den Prix du Public und wird am 20. und 23. Januar gezeigt.

Die Filmtage haben diesmal auffallend viele Werke im Programm, die über Lebenswelten fernab der Schweizer Landesgrenzen berichten. Da ist etwa «Double peine» der Schweizerin und Wahlkanadierin Léa Pool. Sie wirft einen Blick hinter die Gefängnismauern von Nepal, Bolivien oder New York. Dort leben viele Frauen, die im Gefängnis Kinder zur Welt gebracht haben. Sollen diese Kinder bei ihren Müttern hinter Gitter aufwachsen oder bei Angehörigen oder dem Staat übergeben werden? «Double peine» feiert am 20. Januar Premiere und ist einer von acht Dokfilmen, die für den mit 60 000 Franken dotierten Prix de Soleure nominiert sind.

Nachfolger von «Die Kinder vom Napf» 

Spielfilme sind in diesem Jahr zwei im grossen Wettbewerb, einer von ihnen ist Petra Volpes Eröffnungsfilm «Die göttliche Ordnung» (siehe Haupttext).
In der Sektion Prix du Public haben die Zuschauerinnen und Zuschauer die Wahl zwischen elf Filmen, darunter etwa Micha Lewinskys neue Komödie «Lotto» (22. und 25. Januar). Ins Rennen geht auch der neue Dokfilm von Regisseurin Alice Schmid (bekannt für «Die Kinder vom Napf») über ein Mädchen, das eine sagenumwobene Felsschlucht ergründen will. «Das Mädchen vom Änziloch» läuft am 20. und 23. Januar.

Doch es muss nicht immer eine Premiere sein. Der Westschweizer Animationsfilm «Ma vie de Courgette» hat bereits grosse Erfolge gefeiert: Über 100 000 Eintritte in der Romandie, Preise und Oscar-Chancen. Wer nicht bis zum Deutschschweizer Filmstart (16. Februar) warten will, hat an den Filmtagen zweimal (22. und 24. Januar) die Chance, den kleinen Courgette, der in einem Kinderheim aufwächst, kennen zu lernen.

Die 52. Filmtage enden am 26. Januar mit der Übergabe des Prix de Soleure und des Prix du Public. Alle Infos unter: www.solothurnerfilmtage.ch.

(sda)