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KINO: Rassismus als Horrorfilm

«Detroit» zeigt die 1967 durch Polizeigewalt ausgelösten Rassenunruhen als Horrorfilm. Die kollektive Polizeigewalt wird aber unnötig zur Tat eines Einzelnen.
Daniel Kothenschulte
Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega) im Detroit des Jahres 1967. (Bild: Ascot Elite)

Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega) im Detroit des Jahres 1967. (Bild: Ascot Elite)

Daniel Kothenschulte

Längst ist man daran gewöhnt, alle Dimensionen menschlichen Leids durch die Raster von Kinogenres zu vermessen. Keine Tragödie ist zu gross dafür, nicht einmal der Holocaust, wie der Erfolg von Steven Spielbergs «Schindlers Liste» seinerzeit bewiesen hat. Kathryn Bigelow, eine der innovativsten Künstlerinnen des Genrekinos, hat Spielberg mit ihren letzten Filmen den Rang abgelaufen. Ihr Irakkriegsfilm «The Hurt Locker» und «Zero Dark Thirty» über die Jagd nach Osama bin Laden verwandelten politische Geschichte in pointierte Thriller. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an einen historischen Film über Rassismus und Polizeibrutalität im Detroit des Jahres 1967 aus ihrer Hand.

Eine Razzia in einem Tanzlokal hatte fünftägige Unruhen in einem von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil ausgelöst. 7000 Festnahmen und 43 Tote, mehrheitlich Schwarze, waren die Bilanz. In einer furiosen Eröffnung taucht Kathryn Bigelow mit einer Montage aus Dokumentarbildern mitten hinein in den Strudel der Gewalt.

Aus Schockierendem wird Gewöhnliches

Man macht sich gefasst auf das grosse, zeitgeschichtliche Panorama, zumal wie bei ihren letzten Filmen Mark Boal das Drehbuch schrieb. Dann jedoch verlagert sich der Spielort in ein einziges Haus. Aus dem grossen Epos wird ein kleiner Horrorfilm, was für sich genommen noch nichts Schlechtes ist.

Am dritten Tag der Unruhen wähnt sich eine Gruppe von Nationalgardisten unter Beschuss aus einem von Afroamerikanern betriebenen Hotelgebäude. Das Haus wird gestürmt, doch je weniger Anhaltspunkte sich finden lassen, desto mehr eskaliert die Gewalt. Besessen von der Vorstellung, durch Folter den Schuldigen zu finden, richten nach Abzug der Gardisten drei Polizisten ein Blutbad an.

Bigelow und Boal haben sich aus den historischen Ereignissen eine Scheibe herausgeschnitten, die fraglos die Essenz rassistischer, irrationaler Gewalt freilegt. Keine Minute des fast zweieinhalbstündigen Thrillers verstreicht ungenutzt, und doch entsteht dabei ein merkwürdiger Effekt: Aus dem Schockierenden wird etwas Gewöhnliches. Niemand könnte einen solchen Film besser machen als Bigelow, und doch ist da nichts, das man so noch nicht gesehen hätte. Es ist die alte Formel des Einbruchs vom Horror ins Private, die mit Gangstern und mit Zombies funktioniert und erst recht mit rassistischen Staatsdienern.

Banaler Vorfall führt zu Tragödie

Bereits 1968 versuchte der Autor John Hersey in seinem Buch «The Algier Motel Incident» die Ereignisse zu rekonstruieren. Offenbar hatte einer der Hotelgäste, der bei der Erstürmung starb, beim Hantieren mit einer Pistole einen Schuss abgefeuert, doch die Waffe wurde nie gefunden. Dass dieser banale Vorfall jedoch zu einer solchen Tragödie führt, führt in Bigelows Film weniger zu einer Kritik an institutioneller Gewalt als zu einer recht simplen Gut-Böse-Dualität. Einer der Polizisten, gespielt von Will Poulter, ist ein ausgemachter Sadist und Rassist, ein fast überwirklicher Teufel, wie man sie aus Serienkillerfilmen kennt. Dies reduziert den Fokus von einem archetypischen Beispiel rassistischer Polizeigewalt auf die Einzeltat eines Fanatikers.

Es ist durchaus möglich, mit Mitteln des Genrekinos politische Geschichte zu erschliessen. Doch diesmal ist es umgekehrt: Die Geschichte inspirierte einen Horrorfilm, wie es schon viele gibt. Wenigstens ist es ein guter.

Hinweis
Der Film läuft ab Donnerstag in den Kinos Bourbaki (Luzern), Cinema Leuzinger (Altdorf), Maxx (Emmenbrücke), Muotathal (16./17. 12., 20 Uhr), Seehof (Zug).

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