KINO: Regisseur Werner Penzel: «Wir haben oft länger gewartet als gedreht»

Der deutsche Regisseur Werner Penzel stellt seinen Film «Zen For Nothing» in der Schweiz vor. Ein Gespräch über den richtigen Moment, Zen als harte Arbeit und seinen Freund Peter Liechti.

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Sabine Timoteos Ankunft im japanischen Zen-Kloster: Geredet wird wenig, gelernt durch Zuschauen. (Bild: Look Now/PD)

Sabine Timoteos Ankunft im japanischen Zen-Kloster: Geredet wird wenig, gelernt durch Zuschauen. (Bild: Look Now/PD)

Obwohl er seit sechs Jahren in Japan lebt, habe er bei Besuchen in der Schweiz stets auch einen Abend mit Peter Liechti verbracht, sagt Werner Penzel («Step Across The Border»). Der Tod des Filmemachers sei für ihn ein grosser Verlust: «Ich kenne nicht viele Leute, mit denen ich mich so austauschen konnte wie mit Peter.»

Bloss keine Räucherstäbchen

Dass der deutsche Regisseur, 1950 in Köln geboren, nun in Japan lebt, hat mit seiner japanischen Frau Ayako Mogi und ihren zwei gemeinsamen Töchtern zu tun. Die Faszination für die japanische Kultur wurde bei ihm als Jugendlicher geweckt: «Als 16-Jähriger war ich begeistert von der Beatnik-Literatur, von John Cage und ersten Büchern, die es zum Zen-Buddhismus gab. Das hat mich sehr geprägt.» 1978, im Alter von 28 Jahren, reiste er zum ersten Mal nach Japan, um in ein Zen-Kloster einzutreten. «Das war ein einschneidendes Erlebnis und hat meine Arbeit stark beeinflusst», sagt Penzel und fügt hinzu: «Das bewusste Wahrnehmen eines Moments, der nicht wiederholbar ist, das schätze ich an dieser Kultur.»

Der perfekte Ort für den Film

Das Wort Meditieren mag er nicht – das habe einen spirituellen Anstrich und rieche nach Räucherstäbchen, «das ist nicht mein Ding». Aber das in sich gekehrte Sitzen, das sogenannte Zazen, habe ihn nicht mehr losgelassen. «Ich bin seither immer wieder mal für kürzere Zeit ins Kloster gegangen. Und dachte darüber nach, wie sich das in einem Film darstellen liesse – was schwierig ist, weil ja alles innen passiert.» Und einen Film über ein Kloster, «eine Aussenansicht auf einen exotischen Ort», das interessierte ihn nicht.

2005 wollte Penzel wieder in ein Kloster, aber er suchte nach einer eher unkonventionellen Abtei, in der auch Männer und Frauen gemeinsam Zen praktizieren. Im Internet fand er das kleine Kloster Antaiji. Dessen Abt Muho Nölke ist in Berlin geboren und der einzige Abt in Japan, der nicht Japaner ist. Fünf Wochen war er dort, «doch erst etwas später wurde mir klar, dass das der perfekte Ort ist». Für den Film wollte er jemanden mit der Kamera begleiten, «der wie ich einst das erste Mal ins Kloster geht». Und dem es gleich ergehe wie dem Kinozuschauer, der noch nie im Kloster war und erst lernen muss, wie hier die Regeln und Rituale sind. So wird das in Antaiji praktiziert – man lernt durch Beobachtung der anderen. Darum beginnt «Zen For Nothing» mit der Anreise der Protagonistin und ihren ersten Tagen im Kloster ohne Erklärungen oder Kommentare. «Ich wollte nicht den Zen-Buddhismus erklären, der sich gegen solche Erklärungen sträubt. Darum heisst der Film ja ‹Zen for Nothing›», sagt der Filmemacher und blickt einen lächelnd an mit seinen graublauen Augen.

«Wollte das nicht nachstellen»

Als er sich überlegt habe, wer dieser Neuling sein könnte, sei ihm gleich die Berner Schauspielerin Sabine Timoteo eingefallen. «Nicht weil sie Schauspielerin ist, sondern weil ich sie seit vielen Jahren kenne. Ich wusste, wenn ich ihr ehrlich sage, worauf sie sich hier einlässt, und sie Ja sagt, dann zieht sie es durch.» Denn das Zazen sei harte Arbeit, «die romantischen Vorstellungen von Erleuchtung und so» würden dort in wenigen Tagen weggeblasen.

Zunächst wollte Abt Muho nicht, dass im Hondo, im Meditierraum, eine Kamera aufgestellt wird. Penzel insistierte: «Ich wollte das nicht nachstellen, so ein Fake geht nicht. Ich wollte, dass man spürt, wie das sowohl psychisch als auch physisch eine Herausforderung ist.» Er durfte sich versuchsweise mit seinem Kissen hinter der Kamera hinsetzen, aber während der 45-minütigen Sitzperiode nicht bewegen. Während des Khinin, eines 15-minütigen Unterbruchs mit Gehen, ­konnte er die Kamera neu positionieren. Das wurde von allen akzeptiert. «So bin ich durch stundenlanges Sitzen zu diesen Aufnahmen gekommen, die jetzt die ersten 15 Minuten des Films beherrschen», sagt der 66-Jährige und ergänzt: «Diese 15 Minuten sind die grösste Herausforderung fürs Publikum. Danach hat man im Kino seine erste Klostererfahrung gemacht – und genau das war meine Absicht.»

Mit geschärften Sinnen

Dreimal vier Wochen – im Herbst, im Winter und im Frühling – waren Sabine Timoteo, Werner Penzel an der Kamera und seine Frau Ayako am Ton im Kloster, um den Alltag im Lauf der Jahreszeiten zu zeigen. Die durch digitale Kameras geschürte Mentalität «kostet ja nichts, kann man laufen lassen» mag er nicht: «Das schwächt die Aufmerksamkeit für den Moment, den man einfangen will. Wenn man gezielt dreht, sind die eigenen Sinne viel geschärfter.» Sie hätten darum gar nicht so viel Material gehabt: «Wir hatten oft länger gewartet, als wir gedreht haben.» Er habe diese Art zu drehen gerne, diese «absichtslose Aufmerksamkeit». Manchmal habe er stundenlang auf eine bestimmte Lichtsituation gewartet.

Das Ergebnis ist eine betörend stille, poetische Kargheit, die «Zen For Nothing» prägt. Und die vom Soundtrack aus Musik und Geräuschen von Fred Frith rhythmisiert wird. Fast fünfzig Prozent davon, was im Film zu hören ist, sei in einer Improvisation entstanden. «Was nochmals zeigt, wie viel aus dem Moment heraus entstehen kann», sagt Werner Penzel zufrieden.

Andreas Stock

Mehr zum Film

Jeden Tag wecken Gongschläge die Gemeinschaft um 3.45 Uhr. Die rund ein Dutzend Männer und Frauen versammeln sich zum zweistündigen Zazen. Das lange aufrechte Sitzen mit untergeschlagenen Beinen ist anstrengend, der Kopf wird schwer, die Augen blinzeln, die Gedanken kreisen.
Auch das Essen wird schweigend eingenommen, von monotonen Gesängen abgesehen. Den Rest des Tages verbringen die Mönche mit Arbeiten auf den Feldern, beim Holzhacken oder Instandhalten des Klosters. Dann gilt kein Schweigegebot, und es wird gescherzt, geraucht und das Gesicht in die Sonne gestreckt.

Uneitle Authentizität

Die Philosophie des Klosters Antaiji geht auf den 1965 verstorbenen Kodo Sawaki zurück. In Antaiji ist Zen Ausdruck eines einfachen und naturverbundenen Lebens in einer Gemeinschaft. In diesem Kloster wird auch mal eine Flasche Reiswein geöffnet oder elektrische Gitarre gespielt.
Sie habe nicht gewusst, ob sie dieses Experiment aushalten werde, sagt Sabine Timoteo. Sie hat es ausgehalten. Zum Glück. Mit ihrer uneitlen Authentizität lässt sie einen teilhaben an ihrer Erfahrung zur existenziellen Frage: «Wie leben?»

Bewertung: 4 von 5 Sternen

sda

Die Schauspielerin Sabine Timoteo

Die Filmkarriere von Sabine Timoteo, 1975 in Bern geboren, beginnt nach der Ausbildung an der Schweizerischen Ballettberufsschule in Zürich und Tanz-Engagements. Für ihre erste Rolle in «L’amour, l’argent, l’amour» wird sie mehrfach ausgezeichnet. Zunächst absolviert sie aber eine Kochlehre, bevor sich Timoteo erneut der Schauspielerei widmet. Nach dem Grimme-Preis für «Die Freunde der Freunde» erhält sie Engagements im gesamten deutschsprachigen Raum. Weitere bekannte Schweizer Filme mit Sabine Timoteo sind «Sommervögel», «Usfahrt Oerlike» oder «Driften».

«Ich bin immer wieder mal für kürzere Zeit ins Kloster gegangen.» Werner Penzel, Regisseur und Kameramann (Bild: PD)

«Ich bin immer wieder mal für kürzere Zeit ins Kloster gegangen.» Werner Penzel, Regisseur und Kameramann (Bild: PD)

Sabine Timoteo. (Bild: PD)

Sabine Timoteo. (Bild: PD)