KINO: Regisseurin Petra Volpe: «Humor kann eine Waffe sein»

Mit «Die göttliche Ordnung» erinnert Petra Volpe an die Einführung des Frauenstimmrechts 1971. Wie das ernste Thema zur Komödie wurde.

Andreas Stock
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Am 7. Februar 1971 sagten die Schweizer Männer Ja zum Frauenstimmrecht. In Appenzell Innerrhoden waren die Frauen auch 1980 an der Landsgemeinde noch nicht stimmberechtigt; sie mussten sich bis 1990 gedulden. (Bild: Keystone/Daniel Ammann)

Am 7. Februar 1971 sagten die Schweizer Männer Ja zum Frauenstimmrecht. In Appenzell Innerrhoden waren die Frauen auch 1980 an der Landsgemeinde noch nicht stimmberechtigt; sie mussten sich bis 1990 gedulden. (Bild: Keystone/Daniel Ammann)

Interview: Andreas Stock
kultur@luzernerzeitung.ch
 

Petra Volpe, es ist erstaunlich, dass es so lange gedauert hat bis zum ersten Spielfilm über das Frauenstimmrecht. Wie lässt sich das erklären?

Es hat damit zu tun, wie wir in der Geschichte mit Frauen umgehen und wie sie in der Geschichtsschreibung vorkommen. Es gibt keine Historie aus weib­licher Sicht. Das ist eine Kultur, die auch wir Frauen verinnerlicht haben. Man gibt ihr nicht den gleichen Stellenwert.

 

Sie begleiten Ihren Film zu Vorführungen vor Schulklassen.

Ich bin sehr froh, dass wir das machen können, denn es geht im Film auch um Zivilcourage. Den Möglichkeiten des Bürgers innerhalb der Demokratie. Viele Jugendliche haben keine Ahnung, wie gut es ihnen geht. Wie viele Menschen es auf der Welt gibt, die dafür sterben, mitbestimmen zu dürfen.

 

Wie haben Sie sich dem Thema für den Film angenähert?

Ich beginne immer mit Recherchen, damit, mich sehr gut zu informieren. Ich lese viel, spreche mit Leuten, die mit dem Thema besonders vertraut sind. Es gab viele Möglichkeiten, das Frauenstimmrecht aufzugreifen. Darum war ich anfangs sehr offen und suchte nach der richtigen Perspektive.

 

Wussten Sie von Anfang an, dass es eine Komödie werden soll?

Mir war klar, dass ich mit Humor erzählen will. Es ist eigentlich ein trauriges Kapitel, und man muss ernst nehmen, dass es derart lange dauerte, bis Frauen als mündige Bürgerinnen anerkannt wurden. Aber Humor ist auch eine Waffe. Damit lässt sich ein Publikum erreichen, das sonst womöglich nicht ins Kino ginge. Ich will ein breites Publikum er­reichen, ohne dabei Kompromisse zu machen. Darin liegt für mich der Reiz des Filmemachens. Wie kann man unterhaltend erzählen und trotzdem inhalt­liche Tiefe erreichen – das ist die Kunst.

 

Hätte es auch ein finsteres Drama werden können, wie letztes Jahr der britische Spielfilm «Suffragetten»?

Ich habe den Film gesehen und problematisch gefunden, weil er fast nur eine Tonlage kennt. Ich habe das aus meinem Film «Traumland» gelernt. Die Empathie für die Figuren wächst nicht, wenn man nur ihr Drama erzählt, es entsteht daraus nicht mehr Nähe, sondern mehr Distanz. Ich wollte eine Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit finden. Man erschafft mit einem Drehbuch eine Welt, und es ist mir sehr wichtig, dass innerhalb dieser Welt die Figuren und Situationen glaubwürdig sind.

 

Wie merken Sie, ob es stimmt: Erfahrung, Gefühl, Recherche?

Es fusst auf der Recherche, dann kommt das Gefühl dazu. Die Konflikte der Figuren sind universell. Es geht um ein Spannungsfeld, das die meisten Leute aus ihrem Leben kennen: Sicherheit versus Freiheit und Unsicherheit. Es geht um die Angst vor Veränderungen. Mein Grossvater lehnte grundsätzlich alles ab, was irgendwie neu war. Alles Neue bezeichnete er als «Güggelmist».

So differenziert wie die Frauen- zeichnen Sie auch die Männerfiguren. Die Komödie hätte eine Zuspitzung mit verbohrten Männern zugelassen. Was sprach dagegen?

Ich hätte es mir damit zu einfach gemacht. Ein Grundgedanke der Gleich­berechtigung ist, dass Männer genauso gefangen sind in Rollenbildern. Mir war wichtig, dass das deutlich wird. Hans, der Mann von Nora, ist ein Kind seiner Zeit. Und sein Bruder zerbricht unter dem Druck der Erwartungen fast.

 

Sie zeigen sehr gut die Atmosphäre und gesellschaftliche Situation jener Zeit. Was war Ihnen wichtig?

Es war eine intensive Zusammenarbeit von Kostümen, Maske, Ausstattung und Kamera. Wir haben drei Jahre vor Drehbeginn begonnen. Wir sammelten Fotos und durchforsteten Archive. Wir wurden dabei von Heidi Eisenhut von der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden unterstützt, und auch das Gosteli-Archiv Bern war eine wichtige Quelle. Wir wollten diese Zeit aufleben lassen, denn die ganze materielle Welt erzählt sehr viel über die Kleinheit und Enge, in der ­diese Frauen leben.

 

Und sie äussert sich in der Sprache und Körperlichkeit der Figuren?

Ja, ich habe mir sehr viele Videos aus jener Zeit angesehen. Die Leute bewegten sich weniger und sprachen langsamer. Wir mussten eine Balance finden, damit wir diese Behäbigkeit einem heutigen Publikum zumuten können. Wir wollten den Duktus behalten, aber nicht zu langsam erzählen. Ich musste meine Schauspielerinnen und Schauspielern immer mal daran erinnern, sich weniger zu ­bewegen, sich klein zu machen. Das gilt übrigens auch für die Dialoge. Am Anfang der Drehbucharbeit war das viel zu modern und zu geschwätzig. Ich reduzierte sie dann ständig.

 

Wann fiel der Entscheid, dass Sie die Geschichte im Appenzellerland ansiedeln. Es hätte ja ebenso die Innerschweiz sein können?

Ich sah diese Geschichte von Anfang an im Appenzellerland, vor allem wegen der Landschaft. Ich suchte einen Ort, der als Metapher für die Schweiz steht. Ich wollte einen Film machen, der auch im Ausland gesehen werden soll. Und deren Vorstellungen von der Schweiz verbinden sich mit dieser Landschaft. Doch ich habe den Film bewusst nicht explizit im Appenzellerland verortet, sondern 1971 in der ländlichen Schweiz.

 

Warum?

Weil man es dem Rest der Schweiz zu einfach gemacht hätte. Man hätte sagen können, das sind die hinterwäldlerischen Appenzeller, die mit dem Frauenstimmrecht bis 1990 brauchten. Aber die ganze Schweiz brauchte bis 1971. ­Darum ist der Drehort Trogen nicht benannt.

 

Leuenberger: «Frauenrechte waren mein Matura-Thema»

Marie Leuenberger (37) spielt in «Die göttliche Ordnung» die Hauptrolle:Meine Figur der Nora Ruckstuhl ist eine durchschnittliche Hausfrau, ohne grosse Ambitionen, aber es schlummert in ihr ein Gerechtigkeitsempfinden, das durch die Situation 1971 geweckt wird. Und damit der Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Es hat sich so viel verändert seither, beispielsweise in der Wortwahl. Das wirkt mit heutigem Sprachempfinden nicht nur altmodisch, sondern naiv. Davor, mir den St. Galler Dialekt anzueignen, hatte ich Respekt. Ich hatte die Dialoge von einer Schauspielerin im Dialekt gesprochen aufgenommen und konnte sie zu Hause in Berlin anhören und nachsprechen. Nach zwei Tagen üben hatte ich tatsächlich Halsweh wegen der vielen «Chr».

Die Rechte der Frauen waren einst mein Matura-Thema. Erst durch die Vorbereitungen für «Die göttliche Ordnung» wurde es wieder präsent. Ich bin 1980 geboren, habe die Situation also nicht miterlebt. Und doch ist diese Zeit noch so nahe, dass man seine Eltern danach fragen kann. Der Film erzählt von einer Gleichberechtigung, die noch nicht abgeschlossen ist.

(notiert: as)

 

Braunschweig: «Kenne die Konflikte aus meiner Kindheit»

Rachel Braunschweig (49) übernimmt die Rolle der Theresa:Für die Rolle der Theresa habe ich zahlreiche Zeitdokumente gelesen und «Wochenschauen» angesehen. Das war hilfreich, weil es zeigte, wie die Leute redeten und welche Körperlichkeit sie hatten, die sehr anders war als heute. Die Kostüme und der Dialekt haben mir ebenfalls geholfen, die Rolle zu gestalten. Dazu gehört eine komplette Biografie, die man sich als Schauspielerin zur Figur erarbeitet. Zu sehen, dass die körperlichen Gesten der Frauen aus der Zeit selten ausladend oder raumgreifend waren, spiegelt ein Frauenbild, das als Vorbild für meine Theresa diente.

Die Konflikte der Frauen im Film kenne ich aus meiner Kindheit in den späten Siebzigerjahren. Ich hatte eine Mutter, die wie Theresa in der Mitte des Lebens nochmals einen neuen Beruf erlernen wollte, sich aus der klassischen Hausfrauenrolle emanzipierte. Meine Mutter erinnerte mich auch daran, dass sie ohne die Einwilligung meines Vaters kein eigenes Bankkonto eröffnen durfte. Das eigene Gehalt also nirgendwo anlegen konnte ohne männliche Zustimmung.

(notiert: as)

 

Stucky: «Es scheint typisch schweizerisch»

Bettina Stucky (48) spielt in Volpes Film die Magda: Magda ist als Figur gar nicht so veraltet. Eine Ehefrau mit Kindern, die einen anderen Lebensplan hat als ihre Mutter, die Beizerin war. Die einen gewissen Stolz darauf hat, dass sie einst mit ihrem Studium etwas erreicht hat. Sie ist Neuerungen gegenüber nicht sehr aufgeschlossen, obwohl sie sich bürgerlich weltoffen gibt. Aber ob man deswegen jetzt als Frau auch abstimmen soll – dieses politische Bedürfnis geht Magda ab. Das halte ich für etwas typisch Schweizerisches, sich auf sein Privat leben zurückzuziehen, stolz auf die Errungenschaften des Landes zu sein und sich eigentlich damit zufriedenzugeben.

Als über das Frauenstimmrecht abgestimmt wurde, war ich zweijährig, doch man realisiert wieder, wie nah diese Zeit noch ist. Eigentlich gibt es in der Schweiz immer noch nicht die nötigen bezahlten Strukturen, damit sich innerhalb einer Familie beide beruflich verwirklichen können. Vielmehr scheint es in die andere Richtung zu gehen, dass sich das Frauenbild weltweit eher wieder konservativer entwickelt. Wobei das Frauen zu einem Teil sogar selber proklamieren.

(notiert: as)

 

Szene aus Petra Volpes «Die göttliche Ordnung». (Bild: Daniel Ammann)

Szene aus Petra Volpes «Die göttliche Ordnung». (Bild: Daniel Ammann)

Marie Leuenberger. (Bild: EPA)

Marie Leuenberger. (Bild: EPA)

Rachel Braunschweig. (Bild: PD)

Rachel Braunschweig. (Bild: PD)

Bettina Stucky. (Bild: PD)

Bettina Stucky. (Bild: PD)