KINO: Ryan Gosling: «Ich bin ganz schön auf die Welt gekommen»

Der Kanadier Ryan Gosling gehört zu den angesagtesten Hollywoodstars. Für seine Rolle im Musical «La La Land» erhielt er den Golden Globe. Im Interview spricht er über die Tücken Hollywoods, sein Ego und Onkel Perry, den Elvis-Imitator.

Gabriela Tscharner Patao
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Ryan Gosling (36) ist derzeit mit «La La Land» im Kino zu sehen. (Bild: Keystone (9. Januar 2017))

Ryan Gosling (36) ist derzeit mit «La La Land» im Kino zu sehen. (Bild: Keystone (9. Januar 2017))

Ryan Gosling, der Begriff «La La Land» bezieht sich etwas abschätzig auf Hollywood als Traumfabrik und die suggerierte Illusion, dass jeder ein Star werden kann. Wie haben Sie sich Hollywood vorgestellt als Knabe in Kanada?

Ryan Gosling: Wir haben nahe bei der Grenze zu den USA gewohnt. Die nächste grosse Stadt war Detroit. Für mich kam alles, was cool war, von dort. Motown, Eminem, Autos.

Gab es Schauspieler in Ihrer Familie?

Nein, in meinem Dorf arbeitete fast jeder in einer Papiermühle. Als ich acht Jahre alt war, zog mein Onkel Perry bei uns ein und klebte mit Glitzersteinen einen riesigen Adler auf den Rücken eines weissen Overalls. Er hatte beschlossen, Elvis-Imitator zu werden. Er sprach nur noch wie Elvis, bewegte sich wie Elvis.

Hatte er Erfolg?

Er ist in Shopping-Centern aufgetreten, und Frauen haben den Verstand verloren. Es war, als wäre der wahrhaftige Elvis in die Stadt gekommen. Ein paar Monate lang waren wir alle Teil seiner Welt. Unsere Leben wurden dadurch viel interessanter.

Was war Ihre Rolle in der Welt des Elvis-Imitators?

Onkel Perry dachte, es wäre lustig, wenn ich sein Bodyguard wäre. Ich trug ein goldenes glitzerndes Jackett und brachte ihm das Schweisstuch oder vor dem Song «I Wanna Be Your Teddybear» einen Stoffbären. Ich habe es geliebt! Aber eechs Monate später packte er seine Sachen zusammen und zog weiter. Wir waren alle wie vor den Kopf gestossen. Ich dachte nur noch: «Können wir das noch mal machen?»

Wie war der Tag, als Sie nach Hollywood kamen?

Es war beängstigend. Ich kannte L. A. nur aus Filmen, und es war so gross und ich hatte keinen einzigen Freund in Hollywood. Es hat sicher fünf Jahre gedauert, bis sich das Gefühl gelegt hat.

L. A. wird oft die «Stadt der zerbrochenen Träume» genannt. Sehen Sie das auch so?

Ich weiss nicht, ob die Stadt dafür verantwortlich ist. Es ist ein Ort, wo Träume gemacht, wo sie möglich oder gar wahr werden. Deshalb zieht die Stadt so viele kreative Leute und so viele Träumer an. Aber, nur wenige Leute kriegen die Chance, ihre Träume auch zu verwirklichen. Das kann die Seele zerschmettern.

Haben Sie auch Niederschmetterndes erlebt?

Eine meiner Geschichten hat sich sogar in den Film geschlichen. Ich war mitten in einem Vorsprechen und offenbarte unter Tränen alle meine Gefühle, als der Casting-Direktor einen Anruf auf seinem Handy beantwortete.

Was mögen Sie an L. A.?

Hier kannst du ständig Neues entdecken. Ich wohne schon seit über 20 Jahren hier und finde noch immer Orte oder Dinge, die ich noch nicht kannte. Die Stadt kann isolierend sein, denn du verbringst enorm viel Zeit im Auto. Andererseits ist der Charme des alten Hollywoods sehr romantisch.

Während die Filmindustrie einen Superhelden-Film nach dem anderen auswirft, haben Sie ein Musical gemacht. Was hat Sie daran gereizt?

Ich war von Anfang an überzeugt, dass diese Erfahrung einzigartig wird. Es war eine tägliche Gratwanderung zwischen Kunst und Kitsch, die wir gemeistert haben.

Seit Sie als Kinderstar mit Justin Timberlake im «Mickey Mouse Club» auftraten, ist klar, dass Sie tanzen und singen können. War es für ein ganzes Musical genug?

Ich dachte, ich hätte zumindest das Tanzen in der Tasche. Bei meiner ersten Tanzlektion für «La La Land» bin ich aber ganz schön auf die Welt gekommen. Es ist schier unmöglich, den Foxtrott mühelos aussehen zu lassen. Auch als Pianist liess mein Können zu wünschen übrig.

Welcher Muskel hat abends am meisten geschmerzt?

Mein Ego! Das war echt angeschlagen. Ich hatte drei Monate Zeit, mich auf die Dreharbeiten vorzubereiten. Jeden Tag habe ich Klavierstunden gekriegt, bin zur Tanzstunde gegangen und habe alte Musicals wie «Singing In The Rain» oder «Ein Amerikaner in Paris» geschaut.

Wer gefällt Ihnen besser: Gene Kelly oder Fred Astaire?

Ich war schon immer ein Fan von Gene Kelly. Fred Astaire und seine Filme kannte ich weniger. Aber er und Ginger Rogers waren wahre Kraftpakete. Ich dachte, Astaire sei der kopflastigere und Kelly der emotionalere Tänzer. Aber Astaire war ein sehr kreativer und aggressiver Tänzer. Ich schätze ihn heute sehr.

Sie filmen derzeit in Ungarn die lang erwartete Blade- Runner-Fortsetzung mit Harrison Ford. Was können wir erwarten?

«Blade Runner 2049» ist eine Grossproduktion, die sich für mich wie drei Filme in einem anfühlt. Mehr darf ich leider nicht sagen. Ich habe noch nie einen Film gemacht, dem so viel Interesse entgegengebracht wird, der unter derartiger Geheimhaltung gedreht werden muss.

Und wie war die Zusammenarbeit mit Harrison Ford?

Wie heisst das Sprichwort? Es ist besser, seine Idole nie persönlich kennen zu lernen? Ich scherze natürlich, Harrison Ford ist die Ausnahme. Er war sehr unkompliziert und das hat alle Leute auf dem Set aufatmen lassen.

Gabriela Tscharner Patao

kultur@luzernerzeitung.ch