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KINO: Seine Filme atmen die Luft Russlands

Der Russe Andrey Zvyagintsev gehört zu den herausragendsten Filmautoren der Gegenwart. Schriftsteller Michail Schischkin hält den neusten Film «Loveless» für Zvyagintsevs bestes Werk.
Verlorene Jugend: der 12-jährige Ayosha (Matvey Novikov). (Bild: Cineworx)

Verlorene Jugend: der 12-jährige Ayosha (Matvey Novikov). (Bild: Cineworx)

Es verhält sich wie mit allen grossen Regisseuren. Hat man einen Film von Andrey Zvyagintsev ­gesehen, muss man alle sehen: «The Return» (2003), «The Banish­ment» (2007), «Elena» (2011), «Leviathan» (2014) und nun «Loveless» sind heftige Dramen. Man könne «Nelyubov», wie der Titel im Original heisst, nicht einfach mit ungeliebt übersetzen, sagte der frühere SRF-Russland-Korrespondent Peter Gysling im Gespräch mit dem russischen Schriftsteller Michail Schischkin an der Vorführung in Zürich. Vielmehr sei ­«Nelyubov» ein Substantiv, das so­viel heisse wie «Nichtliebe». Wenn es nicht Liebe ist, ist es Hass?

Was Zvyagintsev in seiner neusten Parabel seziert, ist eine in der modernen Gesellschaft weit verbreitete Haltung: die Gleichgültigkeit. Kinder spielen in seinen Filmen immer eine Rolle. Dem 12-jährigen Alyosha (Matvey ­Novikov) fällt hier die zentrale Rolle zu, auch wenn er nur am Anfang auf der Leinwand zu ­sehen ist. Seine Eltern Zhenya (Maryana Spivak) und Boris (Aleksey Rozin) wollen sich scheiden lassen. Beide haben eine neue Beziehung, Boris wird gar nochmals Vater. Für Alyosha ist in dieser neuen Konstellation kein Platz mehr. Doch so richtig haben sich seine Eltern eigentlich nie für ihn interessiert. Dass ihr Sohn verschwunden ist, merken sie erst, als die Lehrerin anruft und sagt, Alyosha sei seit zwei Tagen nicht in der Schule gewesen.

Korruption, Scheinheiligkeit und Egoismus

Typisch für Zvyagintsev etablieren die ersten, langen Einstellungen den Ort des Geschehens. Es liegt ein wenig Schnee. Schief gewachsene Bäume strecken ihre kahlen Äste über den Fluss. Alyoshas Schulweg führt durch diesen Wald. Zum Schluss dieselben Bilder, und man merkt, dass sie etwas vorweggenommen haben. Die herbst-winterliche Landschaft in «Loveless» erscheint wie das Wal­skelett in «Leviathan» als Metapher für den Zustand der Gesellschaft: korrupt, scheinheilig und egoistisch, einhergehend mit Gleichgültigkeit. Es fehlt dieser Gesellschaft das Fleisch an den Knochen, das warme Blut, das durch die Adern fliesst, und das Herz, das die Organe am Leben erhält. Gäbe es da nicht die freiwilligen Suchtrupps, welche die Gegend nach dem vermissten Alyosha durchkämmen. Sie übernehmen dort, wo der Staat versagt, und zeigen selbstloses Handeln als Ausweg.

Andrey Zvyagintsev will nicht als politischer Filmemacher wahrgenommen werden, sondern menschliche Tragödien zeigen. Selbst die nationalistisch-stalinistische Wochenzeitung «Sawtra» bemerkte, Koljas Schicksal in «Leviathan» sei in der russischen Provinz banaler Alltag. Auf die Frage nach versteckt Politischem in Zvyagintsevs Filmen sagt der in der Schweiz lebende Autor ­Michail Schischkin («Das Venushaar»): Während seinem Débutfilm die frische Luft gefehlt habe, sei danach, vor allem bei «Leviathan», die Luft Russlands in seine Filme hineingekommen. Er kritisiert die hermetische Abgeschlossenheit von «The Return». Doch ist das Drama um einen Vater und seine zwei Söhne ein klares Statement zu Russlands immer noch so patriarchalen Strukturen und die Auswirkungen auf Heranwachsende. Das Politische liegt wie so oft im Privaten.

«Der Krieg beginnt in der Familie»

In «Loveless» dringt das Politische in Form von Radio und Fernsehen ins Private. So Nachrichten über den Ukraine-Konflikt, die die Figuren ebenso unbewegt zur Kenntnis nehmen wie Müsli-Werbung. «Es geht Zvyagintsev, der 2014/15 mit dem Drehbuch begonnen hat, um diesen Krieg», ist Schischkin überzeugt. «Der Film hat eine ganz klare Aussage: ‹Der Krieg beginnt in der Familie›.»

Und doch glaubt er, «Loveless» sei Zvyagintsevs hoffnungsvollster Film. Denn die Rettungsmannschaft existiert in Russland tatsächlich unter dem Namen «Lisa Alert» («Lisa-Alarm»). «Für die Menschen in Russland gibt es keinen Staat mehr. Nur in der Selbst­organisation der Gesellschaft sieht Zvyagintsev Hoffnung. Er beherrscht das Handwerk», sagt Schischkin.

Regina Grüter

Hinweis
Der Film läuft in den Kinos Bourbaki (Luzern) und Gotthard (Zug).

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