KINO: Sie muss sich zu behaupten lernen

Auf spannende Weise thematisieren iranische Filme oft Ereignisse aus dem Alltag. Das mit mehreren Festivalpreisen ausgezeichnete Werk von Behnam Behzadi ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Peter Mosberger
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Langsame Wiederannäherung: Niloofar (Sahar Dolatshahi) mit ihrem Freund (Alireza Aghakhani) aus alten Tagen. (Bild: Cineworx)

Langsame Wiederannäherung: Niloofar (Sahar Dolatshahi) mit ihrem Freund (Alireza Aghakhani) aus alten Tagen. (Bild: Cineworx)

Peter Mosberger

kultur@luzernerzeitung.ch

Schon der Titel verweist auf ein reales und höchst alltägliches Phänomen, das den Schauplatz Teheran und die Handlung entscheidend prägt: Teheran gehört zu den Städten mit einer sehr hohen Luftverschmutzung, und diese Belastung ist an Tagen mit einer Inversionswetterlage besonders spürbar.

Unter dem Smog leidet im Film vor allem die asthmakranke Mutter von Niloofar, die wegen ihrer Atembeschwerden einmal mehr ins Spital eingeliefert worden ist und von den Ärzten wieder den dringenden Rat erhalten hat, aufs Land zu ziehen. Nun soll das endlich auch geschehen.

Rücksicht auf ­ die Familie

Und nach Ansicht ihrer älteren Geschwister wäre Niloofar auch am besten dafür geeignet, die Mutter aufs Land zu begleiten. Die aufgeweckte Frau Mitte dreissig führt seit dem Tod des Vaters die familieneigene Schneiderei erfolgreich und hat bis anhin mit ihrer Mutter in einer Wohnung gelebt. Niloofar sei schliesslich noch unverheiratet, und die Schneiderei könne man schliessen und verkaufen. Mit dem erwarteten Anteil am Erlös hofft vor allem ihr Bruder Farhad, eigene Schulden begleichen zu können.

Niloofar, die trotz ihrer Selbstständigkeit daran gewöhnt ist, auf die angeblichen Familieninteressen Rücksicht zu nehmen, akzeptiert zuerst diese Entscheidung – obwohl sie die Aufgabe des Geschäfts zutiefst trifft. Zudem hegt sie seit der erneuerten Bekanntschaft mit einem nach Teheran zurückgekehrten Jugendfreund nicht zuletzt auch Hoffnungen auf eine Heirat. Als ihr aber klar wird, dass sich mit Ausnahme ihrer Mutter und einer jungen Nichte niemand in der Familie für ihre Bedürfnisse interessiert, beginnt sie, sich für ihre eigenen Wünsche und Ziele zu wehren.

«Inversion», die eindrück­liche neue Produktion des erfahrenen iranischen Regisseurs Behnam Behzadi, lässt sich vielleicht am besten als ein Film der Stimmungen beschreiben. Die in ihrer Heimat sehr beliebte Schauspielerin Sahar Dolatshahi weiss dabei mit ihrer Ausstrahlung Niloofars wechselnde Empfindungen nuancenreich und fesselnd wiederzugeben: ihr konstantes Mitgefühl und ihren Optimismus, ihre verantwortungsvolle Verbundenheit mit dem Personal ebenso wie ihr Schwanken zwischen Zuversicht und Unsicherheit im Verhältnis zum Freund, ihren unerwarteten Mut, aber auch ihren gelegentlichen Starrsinn. So nimmt man Anteil an Niloofars Weg von der braven unscheinbaren Schwester und Freun­din zur eigenwilligen, durchaus auch angriffigen Persönlichkeit.

Zwischen Tradition ­ und Moderne

Eine gewisse, in ihrem schüchternen Lächeln zum Ausdruck kommende Naivität lässt Niloofar weniger schnell als andere erkennen, dass ihre Angehörigen, wie die meisten Menschen, vor allem ihre persönlichen Absichten im Auge haben. Und dass sie lernen muss, sich «in unserer absichtsvollen Welt» (Hugo von Hofmannsthal) besser zu behaupten.

Durch eine fein austarierte, vieles nur andeutende Inszenierung gelingt es dem sehenswerten Film, diesen Emanzipationsprozess mit all seinen Unwägbarkeiten auf faszinierende Weise einzufangen. Ein Emanzipationsprozess, in dem sich nach dem Regisseur vielleicht nicht zuletzt auch der «Weg zwischen Tradition und Moderne» der iranischen Gesellschaft widerspiegelt.

Hinweis

«Inversion» startet am Freitag im Stattkino (Luzern).