KINO: Solothurner Filmtage: Die Zeit des Behagens ist vorbei

Mit einer launigen Rede von Bundesrat Berset und dem Film «Die Schwalbe» von Mano Khalil starteten die Solothurner Filmtage. Womit Heimat und Fremde verbunden wurden.

Drucken
Teilen
Regisseur Mano Khalil zeigte gestern seinen Eröffnungsfilm zu den Solothurner Filmtagen. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Regisseur Mano Khalil zeigte gestern seinen Eröffnungsfilm zu den Solothurner Filmtagen. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Eröffnungsreden an den Solothurner Filmtagen gehören zwar zum Pflichtprogramm, aber als Pflicht scheinen sie nicht ausgeübt zu werden. Christine Beerli, Präsidentin der Solothurner Filmtage, und die Direktorin Seraina Rohrer verknüpfen noch jedes Jahr das Fest des Kinos mit der Wirklichkeit; ob in Bezug auf das Flüchtlingsdrama oder auch zur anstehenden Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative. Und Rohrer erinnert auch daran, wie schwierig es wegen der fehlenden EU-Abkommen geworden sei, noch einheimische Filme in Europa zu lancieren: «Der Schweizer Film wird schwer vermittelbar.»

Kulturminister Alain Berset gelingt es mit Ironie, die direkte Demokratie und den Kinoerfolg der Schweizer Produktionen «Schellen-Ursli» und «Heidi» miteinander in Bezug zu setzen. Die beiden Filme seien frei von «Alpenkitsch»; der Realismus, der sich der Mythen annehme, komme rechtzeitig: Die Zeit des Behagens in unseren Alpen sei vorbei, so der Bundesrat.

Vogelwelt als Metapher

Von der Suche nach Identität in einer Zeit des Umbruchs erzählt auch «Die Schwalbe». Der erste Kinospielfilm des im syrischen Kurdistan geborenen und seit 20 Jahren in der Schweiz lebenden Mano Khalil beginnt mit einer Taube. Sie flattert auf einem Schweizer Dachboden und ist Auslöser dafür, dass die Schweizer Fotografin Mira bald darauf in ein Flugzeug nach Kurdistan steigt. Khalil, der mit den preisgekrönten Dokfilmen «Unser Garten Eden» (2010) und «Der Imker» (2013) bekannt geworden ist, legt seinem Roadmovie viele Metaphern und Anspielungen auf die Vogelwelt ins Nest, auf Lock- und Zugvögel etwa. Er nutzt sie als luftig-poetischen Faden seines bildhaften Dramas.

Ein Doppelspiel

Mira, gespielt von Manon Pfrunder, reist ins irakische Kurdistan, weil sie auf Briefe ihres tot geglaubten Vaters stösst. Sie will ihn in seiner Heimat suchen und trifft dort auf den freundlichen Ramo (Ismail Zagros). Der junge Mann bietet sich als Fahrer und Übersetzer im fremden Land an. Während man als Zuschauer schnell aufgeklärt wird über den nicht ganz uneigennützigen Beistand, den Ramo leistet, bemerkt die etwas naive, gutgläubige Mira lange nichts vom Doppelspiel.

Mano Khalil zeigt in «Die Schwalbe» eine wenig bekannte Welt und einen fremden Alltag. Aus Miras Blickwinkel geschieht das meist staunend respektvoll, manchmal hilflos und verwirrt ob all dem Fremden, den überall dominierenden Männern. Lange ist «Danke», das einzige Wort, was Mira auf Kurdisch kennt. Man schmunzelt, wie häufig es nicht als Antwort passt. Überhaupt wird deutlich, wie schwierig die Kommunikation wird, wenn darin kulturelle Unterschiede bestimmend sind. Ramo übersetzt einmal gar nicht, als Mira einem Kurden freudig erzählen will, dass sie als Kind auch Fussball gespielt habe.

Mano Khalil reiht viele solche mal heitere, gelegentlich auch unerfreuliche oder bedrohliche Begegnungen während Miras Vatersuche aneinander. Nicht alle mögen in ihrer episodenhaften Beiläufigkeit gleich zu überzeugen. Mira wird am Ende wissen, wer und was ihr Vater war. Und wenn sie wieder am Flughafen ist, reist sie als Frau in die Schweiz zurück, die sich verändert hat.

Andreas Stock