KINO: Stephan Eicher auf den Spuren seiner jenischen Vorfahren

Stephan Eicher ist ein Künstler von Weltformat. Schweizer Volksmusik wird gern in die Patriotenecke gesteckt. Im Dokfilm «Unerhört jenisch» zeigen zwei Regisseurinnen erstaunliche Verbindungen.

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Stephan Eicher (56) hat familiäre Bezüge zur jenischen Kultur. (Bild: Frenetic Films)

Stephan Eicher (56) hat familiäre Bezüge zur jenischen Kultur. (Bild: Frenetic Films)

Stephan Eicher singt Französisch, Schweizerdeutsch, Englisch, Italienisch, bedient sich verschiedener Musikstile und Instrumente, trägt Schnauz, Ohrring und lange Haare und spielt gerne mit dem Begriff des «Zigeuners», den er nur im musikalischen Sinne verwendet.

Schon früh spürten der heute 56-Jährige und seine Geschwister, dass Besonderes in ihnen schlummert – oder wie der Chansonnier es bezeichnet: «dieses Anderssein». Doch in der Familie Eicher erklärte niemand den Kindern, woher die Leidenschaft für Musik stammt – dabei gehörte Musizieren schon immer zum Familienalltag, der Keller der Eichers war voller Instrumente.

Karoline Arn und Martina Rieder machen sich in «Unerhört jenisch» gemeinsam mit Eicher und seinem Bruder Erich auf, dieses Anderssein zu ergründen. Dabei erstellt Erich, Anwalt und ebenfalls Musiker, einen lückenlosen Stammbaum und belegt schwarz auf weiss die jenischen Wurzeln der Familie Eicher.

Nicht alle hören «jenisch» gern

Die Spuren führen in die Bündner Berge, nach Obervaz, wo Familien leben, die ebenfalls seit Generationen Tanzmusik machen. Ihre Vorfahren waren zugewanderte Spielleute, Scherenschleifer und Glockengiesser und die berühmtesten Familienmitglieder der Geiger Fränzli Waser und der Klarinettist Paul Kollegger.

Die Familien Waser, Kollegger und Moser haben die Musik ihrer Vorväter übernommen und zu Schweizer Volksmusik gemacht. Einige haben sich dem klassischen Ländler verschrieben, andere sind experimenteller, suchen das Ungewöhnliche.

Konfrontiert mit ihren jenischen Wurzeln, sind nicht alle von ihnen glücklich. Manche wollen ihre Musik nicht in Kontext mit ihren zugewanderten und eingebürgerten Vorfahren sehen, andere wiederum empfinden «jenisch» als Schimpfwort.

Das Regieduo Arn/Rieder betreibt nur zum Teil Geschichtsaufarbeitung. Zwar gibt es mit Christian Mehr alias Punkrocker Chris More eine kritische Stimme: Er, der als eines der letzten jenischen Kinder im Rahmen von «Kinder der Landstrasse» seiner Mutter, der Autorin Mariella Mehr, weggenommen wurde, versteht nicht, dass die Familien, deren Vorfahren diskriminiert wurden, nun «Hudigäägeler» spielen, der für ihn verbunden ist mit einer Nation, die Unrecht getan hat.

Die Kritik bleibt ein Nebengleis. Es ist ein Musikfilm, der den «besonderen Sound» der jenischen Musiker und ihrer Nachfahren einfängt. Die Musik spielt in den Familien Waser, Kollegger und Moser und ihren Dörfern eine ungemein wichtige Rolle, für die Jugend ebenso wie die Dorfältesten.

Über allem trägt Eichers Stimme den Film, bis es zum erwarteten Showdown kommt, einem gemeinsamen virtuosen Musizieren zwischen ihm und den Bündner Spitzbueba.

 

Annina Hasler

kultur@luzernerzeitung.ch