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KINO: Swiss Design für «Ghostbusters»

Er war Architekt und Koch. Heute verpasst der Schweizer Beat Frutiger Hollywood-Hits wie dem aktuellen «Ghostbusters»-Film den Look. Wir trafen einen Abenteurer, der auszog, um sich in der Traumfabrik zu verwirklichen.
Hans Jürg Zinsli, Atlanta
Keller, wo die Geister erstmals auftauchen. (Bild Columbia Pictures/B. Frutiger)

Keller, wo die Geister erstmals auftauchen. (Bild Columbia Pictures/B. Frutiger)

Hans Jürg Zinsli, Atlanta

Aus Songzeilen wie «Casablanca tönt doch besser als Bümpliz» oder Filmen wie «E Nachtlang Füürland» spricht das sprichwörtliche Berner Fernweh. Einer, der dieses Fernweh bereits von seinen Ahnen vererbt bekam, ist Beat Frutiger.

Ein Teil seiner Vorfahren lebte in Russland und in den USA, ein Uronkel betrieb eine Orangenplantage in Marokko. Frutiger selbst wuchs in Oberhofen am Thunersee auf, studierte an der Fachhochschule Burgdorf und arbeitete neun Jahre im Architekturbüro Atelier 5. Bis zu jenem Tag, als er 1993 bei der Greencard-Lotterie gewann und nach Kalifornien zog. Heute ist Beat Frutiger einer der gefragtesten Schweizer Filmschaffenden in Hollywood. Als Artdirector hat er den Look für Streifen wie «Terminator 3», «Transformers», «Star Trek» oder «Batman v. Superman» entscheidend mitgeprägt.

Das «zweite Hollywood»

Ich treffe Beat Frutiger zum Gespräch in Atlanta. In der Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia lebte einst die «Vom Winde verweht»-Autorin Margaret Mitchell; nach der rauschenden Filmpremiere 1939 war jedoch punkto Kino nicht mehr viel los. Bis 2014 die Pinewood Studios (ein Ableger der britischen 007-Filmbühnen) im Süden Atlantas entstanden, um amerikanische Grossproduktionen anzulocken.

Bis 2022 entstehen hier über 18 Hektaren an Studiofläche, was etwa 25 Fussballfeldern entspricht. Bereits heute nennt man Pinewood das zweite Hollywood. Zurzeit entsteht dort «Spider-Man: Homecoming», der Artdirector heisst Beat Frutiger.

In seinem doppelstöckigen Loft in Midtown Atlanta, das neben Pubs mit Dachterrassen und einem Friedhof gelegen ist, begrüsst mich Frutiger mit breitem Berner Dialekt und schenkt einen Pinot Grigio aus. Während im Hintergrund die Waschmaschine rattert, erzählt der 58-Jährige von Hollywood und seiner Arbeit an «Ghostbusters». «Wir wurden schon vor den Dreharbeiten gewarnt, dass es bei diesem Film zu einer riesigen Herausforderung kommen könnte, da es eine Neuinterpretation des Originalfilms von 1984 sei. Aber immer, wenn es heisst, dass ein Filmprojekt zu verrückt sei, fühle ich mich erst richtig herausgefordert.»

Zu verrückt – das hiess es schon, als er 2001 bei «Vanilla Sky» mit Tom Cruise und Penelope Cruz mitarbeiten sollte. Frutiger sagte zu und schaffte den Durchbruch: Im Verlauf der Dreharbeiten stieg der Berner vom assistierenden Artdirector zum Supervising Artdirector auf – jener Position, die er nun auch bei «Ghostbusters» innehat.

Locations finden oder nachbauen

«Wir haben ‹Ghostbusters in Boston gedreht», erzählt er. Moment mal, spielt der Film nicht in New York? «Doch, aber wegen der Kosten und des Verkehrs ist es fast unmöglich, dort zu drehen.»

Eine der Hauptaufgaben Frutigers und seines Teams war es, in Boston Örtlichkeiten zu finden, die an New York erinnern, oder diese Locations von seiner über 300 Mann starken Spezialistencrew nachbauen zu lassen. Das reichte von Teilen des Times Square («Wir mussten für jedes einzelne Plakat die Rechte abklären») über das Ghostbusters-Hauptquartier in einem China-Restaurant bis zum kompletten U-Bahnschacht («Wir hatten sogar einen Rattendompteur»).

Klingt aufwendig. Und ist es auch. «Vor und während der Dreharbeiten eines Films arbeite ich täglich bis zu 14 Stunden», sagt Frutiger. Fehler dürfe er sich dabei keine erlauben, denn fünf bis zehn andere Artdirectors würden nur darauf warten, für ihn einzuspringen. Immerhin: Gegen Ende der «Ghostbusters»-Dreharbeiten fand er an Wochenenden manchmal Zeit, um seinem Hobby, dem Segeln, zu frönen. «Das war meine mentale Tankstelle.»

Was aber ist die grösste Herausforderung seiner Arbeit? «Wir wollen mit Bühnenbildern den Charakter der Schauspieler und die Geschichte des Films unterstreichen, dürfen aber nicht übertreiben. Das beste Bühnenbild ist jenes, das man als Zuschauer gar nicht sieht.» Doch die finanziellen Mittel für Bühnenbilder sind limitiert, selbst bei Hollywood-Blockbustern. Es herrsche ein ständiger Kampf zwischen Leidenschaft und Machbarkeit, zwischen Kreativität und Pragmatismus. Frutiger nennt das «sich legitim prostituieren».

Dass an Filmsets öfters die Fetzen fliegen, ist bekannt. Offenbar wörtlich passierte das am Vorabend unseres Treffens. Als Frutiger zum Abendessen aufbrechen will, ist sein Portemonnaie nirgends zu finden. Erst nach mehrmaliger Durchkämmung des Lofts findet er die Geldbörse – frisch gewaschen und noch feucht in der Waschmaschine. Nachdem die klebenden Noten und Zettel sortiert sind, wechseln wir auf die Dachterrasse eines benachbarten Pubs; mit Ausblick auf den Friedhof.

Plötzlich wurde es dunkel

Wie hält es Beat, der in den USA wegen Ausspracheproblemen auch «Biit» oder «Belt» genannt wird, mit Hollywood-Stars? Hat man als Techniker überhaupt Kontakt zu Stars? «Ja. Mit Tom Cruise, der bei ‹Vanilla Sky› nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Produzent war, gab es tägliche Sitzungen. Tom stellte höchste Anforderungen an die Ausstattung und Ästhetik.» Schmunzelnd erzählt Frutiger auch eine Anekdote zu «Fast Five»: «Plötzlich wurde es dunkel in meinem Büro. Als ich aufblickte, stand da Dwayne Johnson alias The Rock in der Tür und interessierte sich für unsere Modelle.»

Etwas vom Verrücktesten sei ihm jedoch beim Nachdreh zu «Enemy of the State» passiert. «Wir mussten einen Spind nachbauen. Da kam Regisseur Tony Scott, inspizierte den Spind und sagte: Der Haken des Schlosses sitzt zu tief.» Darauf habe man den Original-Spind einfliegen lassen – und tatsächlich: der Haken war zu tief. Wie erkennt man so etwas? «Nun, Tony und sein Bruder Ridley Scott waren selber Artdirectors, bevor sie Regisseure wurden. Das sind eigentlich die Schlimmsten», sagt Frutiger augenzwinkernd.

Ein ganz anderer Traum

Ist es auch sein Traum, eines Tages Regie zu führen? Frutiger winkt ab. Seine Sehnsucht geht in eine andere Richtung: «Meine Frau und ich haben uns kürzlich in Frankreich eine Mühle gekauft. Diese wollen wir umbauen und im Nebenhaus ein kleines Bed&Breakfast eröffnen.»

Der Grund kommt so überraschend wie einleuchtend: «Ich kann meine europäischen Wurzeln nicht verleugnen, ich möchte nicht alt werden in den USA.» Spätestens da wird klar, dass auch Frutiger öfters vom Heimweh gepackt wird. Etwa, wenn er mit glänzenden Augen erzählt, wie er 1991 beim ersten Kino-Open-Air auf der Grossen Schanze in Bern als Pastakoch gearbeitet habe. Oder wenn er bedauert, dass er wegen seines Berufs noch nie an einer Klassenzusammenkunft habe teilnehmen können. Einen heimlichen Traum hat Frutiger ebenfalls: «Als alter ‹Tatort›-Fan fände ich es natürlich super, einmal in der Schweiz an einer Folge mitzuarbeiten.»

Beat Frutiger... (Bild olumbia Pictures/B. Frutiger)

Beat Frutiger... (Bild olumbia Pictures/B. Frutiger)

... gestaltete etwa den Keller, wo die Geister erstmals auftauchen, oder das «Ghostbusters»-Hauptquartier mit dem bereits bestehenden China-Restaurant und der neu angebauten Garage. (Bild Columbia Pictures/B. Frutiger)

... gestaltete etwa den Keller, wo die Geister erstmals auftauchen, oder das «Ghostbusters»-Hauptquartier mit dem bereits bestehenden China-Restaurant und der neu angebauten Garage. (Bild Columbia Pictures/B. Frutiger)

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