KINO: «Tanna» entzaubert naive Vorstellungen

Nach einer wahren Begebenheit erzählt der australische Spielfilm «Tanna» eine Liebesgeschichte von einer abgelegenen Südseeinsel. Einzig die Musik passt nicht ins gute Gesamtbild.

Peter Mosbergerkultur@luzernerzeitung.ch
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Das von Laien dargestellte Liebespaar. (Bild: PD)

Das von Laien dargestellte Liebespaar. (Bild: PD)

Tanna ist eine von achtzig Inseln des Archipels Vanuatu im südlichen Pazifik. Dort, im Dorf Yakel, lebt eine der letzten Stammesgesellschaften der Welt. 1985 war die Gegend Schauplatz einer tragischen Liebesgeschichte, die in der Folge die Gesetze des Stammes entscheidend veränderte – und diesem gleichnamigen australischen Spielfilm von Bentley Dean und Martin Butler als Grundlage diente. Die frei nacherzählten Begebenheiten wurden dabei auf der Insel selbst mit Frauen und Männern aus der gegenwärtigen Dorfgemeinschaft inszeniert.

Bedrohtes Liebesidyll

Am Anfang steht die Liebe von Dain (Mungau Dain), dem Enkel des Häuptlings, und Wawa (Marie Wawa). Die beiden kennen sich seit der Kindheit und sind nun als junge Erwachsene ein heimliches Liebespaar. Im üppigen Regenwald, der das Dorf umgibt, sind Orte für Rendez-vous nicht schwer zu finden, und Wawas kleine Schwester hilft dem Paar nach Kräften bei ihrem Versteckspiel. Die Idylle endet jedoch brüsk. Nachdem Mitglieder eines benachbarten Stammes den Dorfschamanen halb tot geprügelt haben (weil er für eine schlechte Ernte verantwortlich gemacht wird), droht ein bewaffneter Konflikt.

Der Häuptling konsultiert den als «Geistmutter» bezeichneten heiligen Vulkan Yahel – gewissermassen das lokale Orakel – und plädiert danach vor der erregten Dorfgemeinschaft dafür, nicht auf Rache zu sinnen, sondern den Frieden zu suchen. Als Zeichen der Versöhnung soll die soeben erwachsen gewordene Wawa ein Mitglied des feindlichen Stammes heiraten. Wawa ist traurig, Dain dagegen protestiert heftig. Zur Strafe für sein rebellisches Verhalten wird er vom Stamm verstossen und muss das Dorf verlassen. Die beiden Liebenden geben jedoch nicht auf.

Inszenierung mit Laiendarstellern

«Tanna» erzählt diese Liebesgeschichte aus einer exotischen Welt im Südpazifik komplett frei von touristischen Klischees oder von Anwandlungen einer Romeo-und-Julia-Sentimentalität. Einzig die merkwürdig süssliche Musik (die glücklicherweise nur selten eingesetzt wird) stört das Gesamtbild dieser farblich in­tensiven, inhaltlich gleichwohl nüchternen Darstellung einer archaischen Lebenswelt, in der friedliches Zusammenleben unmittelbar neben eruptiver Gewalt stehen kann.

Da die Figuren von Laien verkörpert werden, haben manche Szenen in dem ethnografischen Dokumentarspiel einen etwas theatralischen Charakter. Das passt zu dem von festen Sitten bestimmten Gemeinschaftsleben aber recht gut.

Trotz seiner Schlichtheit erweist sich «Tanna» zudem weniger als Rührstück denn als gleichnishaftes Drama, das naive Vorstellungen vom einfachen, naturverbundenen Leben entzaubert beziehungsweise Ähnlichkeiten mit modernen Gesellschaften sichtbar macht. Deutlich wird etwa, dass es sowohl auf einer abgelegenen Südseeinsel wie in der «zivilisierten» Welt darum geht, die Regeln des Zusammenlebens den sich ändernden Zeiten anzupassen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Peter Mosberger
kultur@luzernerzeitung.ch