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KINO: «Thelma und Louise» auf Italienisch

Paolo Virzi schickt in «La pazza gioia» zwei Frauen aus einer psychiatrischen Anstalt auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Trotz des ernsten Themas ist es ein lebensfroher Film.
Micaela Ramazzotti (links) und Valeria Bruni-Tedeschi: Die Anlehnung an einen gewissen Filmklassiker ist unübersehbar.Bild: Filmcoopi, PD

Micaela Ramazzotti (links) und Valeria Bruni-Tedeschi: Die Anlehnung an einen gewissen Filmklassiker ist unübersehbar.Bild: Filmcoopi, PD

«Verrückt» («pazza») und «Freude» («gioia») verbindet man in der Regel nicht miteinander. Doch nach einer irritierenden Auftaktszene, die Dunkles andeutet, das erst gegen Ende ausformuliert wird, verbreitet Paolo Virzis mit fünf Preisen der italienischen Filmkritiker ausgezeichneter Spielfilm allein schon durch die sommerlich-lichtdurchfluteten Bilder eines Hofs in der Toskana Lebensfreude. Auch wenn sich diese Villa Biondi sogleich als offene psychiatrische Anstalt entpuppt.

Lebensfreude in der Psychiatrie

Nicht nur Kamera und Schnitt unterstützen hier den temporeichen Beginn, sondern für Vitalität und Dynamik sorgt auch Beatrice (Valeria Bruni-Tedeschi), die mit Sonnenschirm und seidenem Umhang vornehme Dame spielt, ständig redet und über alle anderen Insassen der Anstalt schimpft. Wegen einer bipolaren Störung wurde sie eingewiesen. Kennt man sie nicht näher, kann man sie aber durchaus für normal halten.

So gelingt es ihr auch, vor der neu eingelieferten Donatella (Micaela Ramazotti) überzeugend eine Ärztin zu spielen. Zumindest bis die echte eintrifft. Nichts gemein mag die extrovertierte Beatrice mit der schweigsamen, am ganzen Körper tätowierten Donatella haben. Dennoch interessiert sie sich für die jüngere Frau, nützt mit ihr eine Gelegenheit zur Flucht.

Aus dem Psychiatrie-Film wird so ein Roadmovie, das später mit Cabrio und Kopftuch gezielt auf Ridley Scotts «Thelma und Louise» anspielt. Wie einst Geena Davis und Susan Sarandon setzt sich dabei Beatrice über Regeln hinweg, klaut einen Wagen, prellt im Luxusrestaurant die Zeche oder versucht, mit Lügen in einer Bank Geld zu bekommen.

Zwei Opfer von gewalttätigen Männern

Wie Scott rechnet auch Virzi mit den Männern ab, wenn er die psychische Verfassung der Protagonistinnen als Folge des Verhaltens von Männern darstellt, zu gewalttätiger Rache kommt es aber nicht.

Deutliche Kritik an staatlichen psychiatrischen Anstalten übt der 52-jährige Regisseur aber, wenn der geradezu idyllischen Villa Biondi später die harte Behandlung in einer in kaltes Licht und Farben getauchten anderen Anstalt gegenübergestellt wird.

Nach turbulentem Beginn wird «La pazza gioia» mit Fortdauer aber nicht nur ruhiger, sondern schlägt auch zunehmend gefühlvollere Töne an. Getragen wird dieser Mix aus Komödie und Drama dabei von Valeria Bruni-Tedeschi und Micaela Ramazzotti, die sich förmlich die Seele aus dem Leib spielen.

Furios changieren sie zwischen Stimmungslagen und lassen hinter der Exaltiertheit auf der einen und der Schweigsamkeit auf der anderen Seite zunehmend die Verzweiflung, die Trauer und die Sehnsüchte der beiden Frauen sichtbar werden.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

Walter Gasperi
kultur@luzernerzeitung.ch

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