KINO: Träume von Liebe und Verrat

David Lynch lässt grüssen. Greg Zglinski erzählt mit «Tiere» ein traumversponnenes Beziehungsdrama, in dem nichts gesichert scheint. Ein unterhaltsames Konstrukt.

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Das Ehepaar Anna und Nick hat für ein halbes Jahr ein Berghaus in der Westschweiz gemietet. Er ist Koch und will Rezepte sammeln, sie ist Kinderbuchautorin und hat sich vorgenommen, ihr erstes Buch für Erwachsene zu schreiben. Ihre Wohnung in Wien überlassen sie währenddessen Mischa, einer jungen Frau. Nick lässt seine Geliebte zurück, die eine Etage höher wohnt. Die Auszeit ist Annas und Nicks Versuch, ihrer Ehe nochmals eine Chance zu geben.

So weit, was es an gesicherter Handlung gibt. Oder ist das bereits eine trügerische Sicherheit? Denn zu Beginn sehen wir, wie sich eine Frau im roten Negligé aus einem Fenster fallen lässt. Wir hören zwar den Aufschlag, doch als die Kamera nach unten gleitet, ist da nichts zu sehen. War es nur ein Traumbild?

Die Natur des Träumens entzieht sich der Logik

Diese Frage stellt sich in den folgenden 90 Minuten von «Tiere» immer wieder. Doch wer träumt? In welchem Kopf spielt sich das ab? Manche der Albträume werden zwar als solche aufgelöst, doch eine endgültige Antwort wird es nicht geben. Braucht es auch nicht. Die Natur des Träumens entzieht sich Zuordnungen wie Logik und Chronologie. Oder Gewissheiten wie der Einheit von Zeit und Raum.

Auf Annas und Nicks Fahrt in die Schweiz gibt es eine Kamerafahrt durch einen rot leuchtenden Strassentunnel – dazu einen Soundtrack, der den pulsierenden Fahrtrhythmus aufnimmt. Wen das an die surreale Fahrt in die Hörgänge eines Ohres in «Blue Velvet» erinnert, verfolgt wohl eine passende Spur. An das Kino von David Lynch fühlt man sich öfter erinnert, wenn es um verschlossene Türen, ungewisse Identitäten oder seltsame Autounfälle geht. Oder auch an den Klassiker «Letztes Jahr in Marienbad» von Alain Resnais.

Das Risiko von solch erzählerischen Balanceakten zwischen Traum und Realität ist freilich, dass Figuren und Geschichte im grossen Schlund der Rätsel verloren gehen können. Gefeit davor ist Regisseur Greg Zglinski nicht. Und sein Film braucht ein Publikum, das Lust hat, ihm in sein Spiegellabyrinth zu folgen. Sich auf dieses Spiel mit unerfüllten Erwartungen und unerwarteten Wendungen einzulassen, fällt allerdings nicht schwer. Mit Birgit Minichmayr, Philipp Hochmair und Mona Petri sind Darsteller zu sehen, die den Charakteren einen Herzschlag geben. Und Greg Zglinski spielt augenzwinkernd und souverän mit den Versatzstücken aus Thriller und surrealem Kino. Entscheidend aber ist, dass «Tiere» sich nicht bloss im luftleeren Raum bewegt. Geerdet wird das Traumspiel durch die urmenschlichen Unsicherheiten und Sehnsüchte, die es in einer Paarbeziehung geben kann.

Andreas Stock

Im Stattkino Luzern. Premiere heute, 19 Uhr, mit dem Regisseur sowie dem Produzenten Stefan Jäger.