KINO: «Vergänglichkeit macht Schönheit»

Mode, Movies, Melancholie: Nächste Woche startet der zweite Film von Star-Designer Tom Ford. Wir sagen, weshalb man sich auch «Nocturnal Animals» ansehen sollte.

Marlene von Arx, Los Angeles
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Tom Ford bei den Dreharbeiten zu «Nocturnal Animals». Bild: Keystone (15. Oktober 2015)

Tom Ford bei den Dreharbeiten zu «Nocturnal Animals». Bild: Keystone (15. Oktober 2015)

Junk Culture nennt sich das: Übergewichtig deformiert sind die nackten Majoretten, die Tom Ford im Prolog von «Nocturnal Animals» als Cheerleader-Models aus einer Kunstausstellung zeigt. «Ich habe jahrelang in Europa gelebt und wollte das Amerika zeigen, wie es sich ein europäischer Künstler heute vielleicht vorstellt: überfüttert, fresssüchtig, alternd», so der zum Filmregisseur mutierte Modedesigner. «Doch dann habe ich mich in die Frauen verliebt, sie hatten so viel Spass auf dem Set und waren so frei. Warum? Weil sie sich von der Gesellschaft und der Kultur nicht sagen lassen, wer sie zu sein haben.» Ums Konformieren und um Verlust und Rache geht es im zweiten Film des 55-jährigen Texaners.

In der Modewelt steht der Name Tom Ford für scharfkantig geschnittene Anzüge und lineare Roben – eine postmoderne Eleganz, die ohne romantischen Schnickschnack oder schrille Stoffe auffällt. Als Filmregisseur hat Ford eine ebenso klare sowie stark von Melancholie und Nostalgie geprägte Handschrift. 2009 überraschte er mit seinem Erstling «A Single Man», ein Sechzigerjahre-Stimmungsbild eines Mannes, der nach dem Tod seines Lebenspartners keinen Sinn im Leben mehr sieht. Der Hauptdarsteller Colin Firth wurde für einen Oscar nominiert.

Autor schreibt Buch über vergangene Beziehung

Mit «Nocturnal Animals» beweist Ford, dass er keine Hollywood-Eintagsfliege ist. Zwei Geschichten werden hier visuell hyper-stilistisch umgesetzt: Schriftsteller Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) lässt seiner Exfrau Susan Morrow (Amy Adams) das Manuskript für seinen neuen Thriller zukommen. Die Kunstgaleristin hat ihn vor Jahren für einen anderen Mann und die Haute Volée verlassen. Während sie inzwischen die Oberflächlichkeit ihres Lebens in der High-Art-Szene von L. A. hinterfragt, hat er offenbar nun die Beziehung, die in Rückblenden angetönt wird, in Buchform aufgearbeitet.

Den im staubigen Texas angesiedelten Noir-Roman bekommt der Zuschauer als zweite Story mitgeliefert. Jake Gyllenhaal übernimmt hier ebenfalls die Rolle des Protagonisten Tony, der mit seiner Familie von einer Bande terrorisiert wird.

«Es ist eine Geschichte von Selbstzweifeln. Und davon, was passieren kann, wenn man die Menschen gehen lässt, die einem viel bedeuten», so Ford, der auch das Drehbuch verfasste. «Wie Susan habe ich den Materialismus, der glücklich machen soll, erlebt. Ich sage nicht, dass ich die schönen Dinge nicht geniesse. Aber das ist alles relativ, das Wichtigste für mich ist Loyalität.

Als Sohn eines Immobilienmaklerpaares in Texas geboren und in New Mexico aufgewachsen, startete Tom Ford seine Karriere in New York als Schauspieler: «Aber eigentlich war ich nicht gerne vor der Kamera.» Zuerst studierte er Kunstgeschichte, dann Architektur. Als er das Studium nach Paris verlegte, wechselte er zum Fashion Design und verliebte sich in den 13 Jahre älteren Vogue-Homme-Chefredaktor Richard Buckley (eine Leihmutter machte die beiden 2012 Eltern eines Sohnes.)

Ford machte Karriere in der Modebranche, rettete Gucci vor dem Bankrott und hauchte Yves Saint Laurent Rive Gauche neues Leben ein. 2004 gründete er sein eigenes Label.

«Ich weiss immer etwas zu erzählen»

Regisseur und Designer sind für Ford verwandte Berufe: «Ich habe eine ganze Kollektion auf ‹Die bitteren Tränen von Petra Von Kant› von Fassbinder aufgebaut. Ich habe von den besten Modefotografen über Licht und Einstellung gelernt. Beide Jobs erfordern eine Vision. Wie eine Filmeinstellung aussieht oder wie sich jemand anzieht – es ist Teil einer Geschichte.» Und er fügt schmunzelnd hinzu: «Ich bin ein guter Geschichtenerzähler. Wenn es bei einer Dinner-Party langweilig wird, weiss ich immer etwas zu erzählen, auch wenn nicht immer alles wahr ist.»

Ford lebt in einem klassisch modernen Richard-Neutra-Haus, trägt auch auf dem Set einen Anzug («das ist meine Uniform») und ist nach eigenen Angaben ein «Nocturnal Animal», also ein Nachttier. Er komme mit drei Stunden Schlaf aus und denke viel über den Tod nach, was den melancholischen Ton seiner Filme erklärt: «Ich war mir schon als Kind der Vergänglichkeit sehr bewusst. Aber sie gibt dem Leben auch die Schönheit. Wenn die Rose nie verblühen würde, würden wir sie anders betrachten. Denn die Uhr tickt und tickt …»

Momentan tickt sie den Golden Globes am 8. Januar entgegen: Tom Ford ist für das beste Drehbuch und die beste Regie nominiert. Und es ist anzunehmen, dass bei der Oscar-Verleihung im Februar der Name Tom Ford nicht nur als Designer von umwerfenden Abendkleidern am roten Teppich zu hören sein wird.

Hinweis

«Nocturnal Animals» startet am Donnerstag, mehr Infos am Mittwoch auf der Kinoseite.

Marlene von Arx, Los Angeles
kultur@luzernerzeitung.ch