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KINO: Vom Missbrauchsopfer zum Zuhälter

Rosa von Praunheim (72) verfilmt mit «Härte» eine unglaubliche Lebensgeschichte als Dokufiktion. Und sagt selbst: «Es ist mein emotionalster Film.»
Er macht sie sich gefügig, doch sie hält zu ihm: Hanno Koffler als Andreas Marquardt und Luise Heyer als Marion Erdmann. (Bild: Filmcoopi/PD)

Er macht sie sich gefügig, doch sie hält zu ihm: Hanno Koffler als Andreas Marquardt und Luise Heyer als Marion Erdmann. (Bild: Filmcoopi/PD)

Regina Grüter

«Wird er mich akzeptieren oder mir gleich in die Fresse hauen?», fragte sich Filmemacher Rosa von Praunheim. Mit «Härte» hat der deutsche Kultregisseur, Dichter und Maler die Biografie von Andreas Marquardt verfilmt, in den 1960er-Jahren bis zu seiner Verhaftung Mitte der 1990er-Jahre einer der berüchtigtsten Zuhälter in der Berliner Unterwelt.

Regisseur an der Vorpremiere

Nur ein knappes Dutzend Personen hat sich an der Vorpremiere von Rosa von Praunheims neuem Film «Härte» im Stattkino Luzern eingefunden, an der der Regisseur persönlich anwesend ist. Das sei doch ganz schön, meint Praunheim. Mit seinen 72 Jahren, davon gegen die 50 als Filmemacher, kann ihn wohl nichts mehr schrecken. Vor dem Film begrüsst er zusammen mit Kinobetreiber Peter Leimgruber die Anwesenden, entwendet ihm kurzerhand das Mikrofon und hält es ins Publikum: «Wieso bist du hier?» «Wegen dir. Du bist eine Koryphäe», ist eine Antwort.

Leimgruber erobert sich das Mikrofon zurück. Er verwendet das Wort Ikone. Rosa von Praunheim sei eine Ikone des Schwulenfilms. Mit «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» hat er 1970 einen ganz wichtigen Film gemacht für die Community. Seither steht Rosa von Praunheims Name für die Bewegung – wortwörtlich, Rosa, nicht Pink. Aber das interessiert hier nur am Rand. Von Praunheim hat schon viele «Heterofilme» gemacht, «Überleben in New York» (1989) oder «Meine Mütter» (2007). Und so auch «Härte», die Dokufiktion über die Lebensgeschichte Marquardts.

Tabuthema

Der Film feierte an der Berlinale seine Uraufführung. Mit grossem medialem Echo. Kritik und Publikum, das wenige, das sich denn in den Kinosaal getraut hat, waren gleichermassen begeistert. Und seither geht das so weiter, überall, wo der Film startet.

Schon das Buch, worauf der Film beruht, war Thema unzähliger Magazinartikel in Deutschland. Die Geschichte, die Biografie von Andreas Marquardt, geht an die Nieren. Vom sadistischen Vater geschlagen und verlassen, wurde er von der eigenen Mutter jahrelang sexuell missbraucht. In unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema, ist die Dunkelziffer dementsprechend hoch. Dazu Rosa von Praunheim: «Das kann man sich gar nicht so richtig vorstellen. Das sind ja Mütter, denkt man, schützend und liebend. Und es ist der böse Vater.»

Als junger Mann verdient sich Marquardt, geboren 1956, sein Geld erst als Geldeintreiber, dann als Zuhälter. Seit er 2003 aus der Haft entlassen wurde, betreibt der international anerkannte Kampfsport-Champion zusammen mit seiner Lebensgefährtin, die er damals noch auf den Strich geschickt hat, ein Karatestudio für Kinder in Neukölln, Berlin.

Wie setzt man so etwas um? «Man hätte einen reinen Dokumentarfilm machen können», sagt Rosa von Praunheim. «Nach der Veröffentlichung des Buches gab es neben sehr vielen Berichten auch einen 45-minütigen Dokumentarfilm. Insofern wollte ich von Anfang an einen Spielfilm machen – mit loser dokumentarischer Rahmenhandlung und Schwerpunkt auf den Spielszenen.» Die Arbeit mit professionellen Schauspielern war für den Filmemacher, der viel mit Laien gearbeitet hat, eine Herausforderung. «Ich war mir unsicher, ob ich das mit professionellen Schauspielern so emotional rüberbringen kann.»

«Magische» Teamarbeit

Dass dies gelungen ist, ist zu einem wesentlichen Teil den hervorragenden Darstellern zu verdanken: Hanno Koffler als Andreas Marquardt, Luise Heyer als Marion Erdmann und Katy Karrenbauer als Marquardts Mutter. Die Geschichte des Kindes Andreas wird aus seiner Perspektive erzählt, wir sehen mit seinen Augen. Danach wechselt die Kamera in einen neutralen, beobachtenden Blickwinkel. Die Spielsequenzen wurden mit realen Requisiten im Studio und draussen gedreht – in Schwarz-Weiss; die dokumentarischen Teile mit Andreas Marquardt und Marion Erdmann in Farbe. Im Studio wurde mit Rückprojektionen gearbeitet, was einen verfremdeten, theatralischen Effekt hat. Dies ermöglicht dem Betrachter, zur heftigen Emotion die nötige Distanz zu schaffen, um über das Gesehene nachzudenken.

Obwohl der brutale Zuhälter Marquardt, der nun nicht mehr Opfer, sondern Täter ist, am meisten filmische Zeit erhält, nimmt der Zuschauer ihn, in Abwechslung mit den Dokumentar­szenen mit dem realen Marquardt, als sympathisch wahr. Die Ambivalenz in der Wahrnehmung seiner Person aber bleibt. Genau dies macht einfache Schuldzuweisungen unmöglich. Vielmehr liefert Rosa von Praunheim nach einem Drehbuch von Nico Woche eine messerscharfe filmische Analyse der Mechanismen von Macht und Zwang. Der Regisseur spricht von einem Glücksfall: «Manchmal ist es magisch, wie alles zusammenkommt. Das ist nicht bei jedem Film so.»

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Hinweis

«Härte» startet morgen im Stattkino (Luzern) und im Seehof (Zug).

Rosa von Praunheim zur Thematik seines Films: «Das sind Mütter, denkt man, schützend und liebend.» (Bild: Filmcoopi/PD)

Rosa von Praunheim zur Thematik seines Films: «Das sind Mütter, denkt man, schützend und liebend.» (Bild: Filmcoopi/PD)

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