KINO: Von Gewalt zu Liebe – und zurück

Das Teenagerleben gleicht einer Achterbahnfahrt. Umso mehr, als man von gängigen Normen abweicht. Mit «Quand on a 17 ans» ist dem Franzosen André Téchiné (73) ein feinfühliges Coming-of-Age-Porträt gelungen.

Annina Hasler, sda
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Corentin Fila als Tom, der als Adoptivkind von Milchbauern in den Bergen lebt. (Bild: outnow.ch/PD)

Corentin Fila als Tom, der als Adoptivkind von Milchbauern in den Bergen lebt. (Bild: outnow.ch/PD)

Tom und Damien könnten unterschiedlicher nicht sein. Der 17-jährige Tom (Corentin Fila) führt als Adoptivsohn von Bergbauern ein entbehrungsreiches Leben. Um das Gymnasium besuchen zu können, nimmt er ­einen langen, beschwerlichen Schulweg auf sich, seine Freizeit verbringt er im Stall. Den gleichaltrigen Damien (Kacey Mottet Klein) holt die Mutter, eine Ärztin, mit von der Schule ab, in seiner Freizeit lernt er boxen.

Einzig der gegenseitige Hass verbindet die beiden. Tom und Damien reizen und prügeln sich bis aufs Blut. Als Damiens Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain) nach einem Arztbesuch bei Toms kranker Mutter vorschlägt, Tom ins Tal zu holen, damit dieser sich stärker auf die Schule konzentrieren kann, sind die beiden jungen Männer alles andere als glücklich. Doch die Eltern setzen sich durch.

Es ist auch Damiens Mutter, die die jungen Männer schliesslich dazu zwingt, ihre Streitigkeiten beizulegen. Erst da zeigt sich, was sich hinter den Kämpfen verbirgt: Tom und Damien fühlen sich voneinander angezogen und wissen die gegenseitige Anziehungskraft nicht anders auszudrücken als mit Gewalt. Nun schlägt diese plötzlich in elektrisierende Spannung um.

Tom macht ­ seine Lust Angst

So verschieden die beiden sind, so unterschiedlich gehen sie mit ihren plötzlichen Empfindungen dem anderen gegenüber um. Einmal erkannt, stellt Damien sich seinen Gefühlen und scheut sich nicht, ihnen auf den Grund zu gehen. «Ich muss wissen, ob ich auf Typen stehe oder nur auf dich», erklärt er Tom. Der wehrt sich weiterhin mit Körperkraft gegen Damiens Annäherungen.

Regisseur André Téchiné («Les voleurs») zeigt Tom als zerrissenen jungen Mann, dem seine sexuelle Vorliebe Angst macht. Andererseits wohnt Tom etwas stark Animalisches inne, wenn er durch seine geliebte Berglandschaft streift oder sich bei Nacht in einen dunklen See stürzt. Seine Zuneigung zeigt Tom Damien, indem er ihn in die Natur mitnimmt. Und die Achterbahnfahrt der Gefühle, die die Jugendlichen durchleben, symbolisiert die Anfangsszene: eine rasante Kamerafahrt durch Wälder, über Berg und Tal. Téchinés Vorliebe für symbolische Bildsprache zeigt sich auch in den blütenweissen Muskelshirts, die die jungen Männer an der Schnittstelle von Unschuld und lustvollem Mannsein tragen.

Der Schweizer Kacey Mottet Klein («L’enfant d’en haut»), Corentin Fila und Sandrine Kiberlain geben ein glaubhaftes Dreiergespann ab in diesem einfühlsamen und doch unsentimentalen, leidenschaftlichen Film.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Annina Hasler, SDA
kultur@luzernerzeitung.ch