KINO: Wahlberg jagt die Bombenleger von Boston

2013 wurde auf den Boston-Marathon ein tödlicher Anschlag verübt. Nun hat Hollywood das Thema in ein Actionspektakel umgesetzt. Das überzeugt durchaus, wenn es auch gewisse Übertreibungen gibt.

Wolfgang Marx (dpa)
Drucken
Teilen
Mark Wahlberg als Polizist, der hinter den Bostoner Bombenlegern her ist. (Bild: Paterson Entertainment)

Mark Wahlberg als Polizist, der hinter den Bostoner Bombenlegern her ist. (Bild: Paterson Entertainment)

Wolfgang Marx (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Knapp vier Jahre ist es her, als im Zieleinlauf des Boston-Marathons zwei Sprengsätze explodierten und drei Menschen ge­tötet wurden, darunter ein achtjähriger Junge. 260 Menschen wurden verletzt. Wie man Zeitgeschichte würdevoll mit Spannung, Action und ein wenig Pathos kombiniert, das hat Regisseur Peter Berg zuletzt in seinem Ölplattform-Drama «Deepwater Horizon» gezeigt. In «Patriots Day» nun hat der versierte Action-Regisseur die tagelange Jagd auf die beiden Bombenleger von Boston akribisch rekonstruiert.

Nach «Lone Survivor» (2013) und «Deepwater Horizon» (2016) ist Mark Wahlberg erneut der Hauptdarsteller – ein heroischer und unverwüstlicher Superheld ist er allerdings nicht. Ganz im Gegenteil. Der Schauspieler, der einen beliebten, wenn auch sehr eigensinnigen Cop spielt, ist der lädierte Held – im wahrsten Sinne des Wortes. Nachdem er sich bei der Verbrecherjagd am Knie verletzt hat, humpelt er durch den ganzen Film.

Kevin Bacon, John Goodman und J. K. Simmons

Aber er ist ja nicht allein. Obwohl «Patriots Day» oder «Boston», wie der Film in der deutschen Fassung heisst, mit Kevin Bacon (FBI-Agent), John Goodman (Polizeichef) und J. K. Simmons (Police Sergeant) prominent besetzt ist, so nimmt sich jeder der starken Charakterschauspieler zurück. Niemand drängt sich in den Vordergrund, die Last ist auf viele Schultern verteilt. Will man Erfolg haben, dann sind Teamgeist, Gemeinschaft und Zusammenhalt gefragt. Hand in Hand – nur so gehts. Die Botschaft dürfte in den USA, einem zutiefst gespaltenen Land, ankommen.

Für viele emotionale Momente sorgen schliesslich die eingewobenen Schicksale einiger Paare, die irgendwann alle die Wege der Attentäter kreuzen werden. Auch hier ist die etwas schlichte Botschaft klar: Nur die Liebe kann letztlich den Hass besiegen.

Der Hass, das sind die beiden Brüder Zarnajew (Alex Wolff, Themo Melikidze), deren Beweggründe im Actionthriller aber seltsam nebulös bleiben. Ein Internetvideo über das Bombenbauen muss als Hinweis auf die Radikalisierung der beiden Attentäter reichen. Berg legt da mehr den Fokus auf die Beziehung der beiden Brüder, die sich langsam entzweien: «Du sollst mich nicht wie ein Kind behandeln», sagt der Jüngere.

Trotz seiner durchaus bedächtigen und dem Drama angemessen zurückhaltenden Inszenierung verleugnet Berg nicht, dass er vom Actionfilm kommt. Da dröhnen die Hubschrauber, gibt es wilde Verfolgungsjagden und bleihaltige Schiessereien, die problemlos aus einem Western stammen könnten.

Mit Archivmaterial angereichert

Eingesetztes Archivmaterial und dokumentarisch anmutende Szenen verleihen dem Film zuweilen viel Authentizität, auch wenn es Berg bei den Actionszenen ein bisschen übertreibt und in seiner Drastik ein wenig über das Ziel hinausschiesst. Gerade gegen Ende geht seinem ansonsten aber stimmigen Film, der nicht zuletzt den Einwohnern von Boston ein würdiges Denkmal setzt, ein wenig die Luft aus. Aber manch abgeflachter Spannungsbogen wird durch den rauschenden Industrial-Sound der Oscarpreisträger Trent Reznor und Atticus Ross («The Social Network») genial aufgefangen.

Bewertung: 4 von 5 Punkten