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KINO: Was ist wirklich wichtig im Leben?

Sinnlichkeit, Unbeschwertheit und die Liebe sind die Ingredienzen von «Call Me By Your Name». Das Drama des Italieners Luca Guadagnino ist für vier Oscars nominiert, auch als «Bester Film».
Elios und Oliver entdecken ihre Gefühle füreinander. (Bild: Praesens)

Elios und Oliver entdecken ihre Gefühle füreinander. (Bild: Praesens)

Die Kinoaufführung von «Call Me By Your Name» verlässt man beseelt. Getragen von einem Gefühl, das schwer zu beschreiben ist; gleichsam leicht und wehmütig. Diese Stimmung wird lange nachwirken und sich jedes Mal wieder einstellen, wenn man an den Film denkt.

Die Geschichte spielt Anfang der 1980er-Jahre in einem Landhaus in Norditalien, wo Elio mit seinen Eltern jeweils den Sommer verbringt. Man vertreibt sich die Zeit mit Lesen, Schwimmen, Ausflügen mit dem Velo in die nächste Stadt. Aber vor allem auch unterhält man sich und isst zusammen am grossen Tisch unter den Aprikosenbäumen. Jedes Jahr lädt Elios Vater (Michael Stuhlberg), ein amerikanischer Archäologieprofessor, einen Studenten ein, ihm bei seinen Forschungsprojekten zu helfen. Dieser Oliver (Armie Hammer, «Final Portrait») bringt Elios Gefühlsleben langsam in Aufruhr.

Das Drama des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino basiert auf dem Roman des amerikanischen Autors André Aciman; für die Leinwand adaptiert wurde es von James Ivory. Der 89-jährige amerikanische Drehbuchautor und Regisseur von «A Room With A View», «Howards End» oder «The Remains Of The Day» ist für diese Arbeit zum vierten Mal für einen Oscar nominiert und wird ihn wahrscheinlich auch gewinnen. Timothée Chalamet (auch im Oscar-nominierten «Lady Bird») spielt den etwas schwermütigen, in vielerlei Hinsicht begabten Elio mit voller Hingabe, was ihm ebenfalls seine erste Nomination für den Academy Award einbrachte. Mit der Ankunft Olivers wandelt sich seine leicht gelangweilte Leichtigkeit in zunehmende Verunsicherung, ausgelöst durch ein bisher unbekanntes Gefühl des Begehrens (der Golden-Globe-nominierte Armie Hammer ist ein ebenbürtiger Partner). «Ab 30 verblassen die Gefühle», sagt der Vater. Man erlebe etwas nie mehr so intensiv wie beim ersten Mal. Jene, auf welche das nicht zutrifft, können sich glücklich schätzen. Man erinnert sich zurück an die eigene Jugend und denkt über die einfühlsamen und lebensklugen Worte des Vaters nach, die noch folgen – bei den eigenen Kindern möchte man es genauso machen.

Für diese Atmosphäre der Unbeschwertheit und Sinnlichkeit zeichnet zu einem grossen Teil die stupende Kameraführung verantwortlich. Und die ­Musik, die das eingangs beschriebene Gefühl ganz selbstverständlich verstärkt (letzte Oscar-Nominierung für den Originalsong).

Sanftheit und ­ Sinn für Schönheit

Er sehe «Call Me By Your Name» gerne als Abschluss einer Trilogie von Filmen über das Begehren, zusammen mit «Io sono l’amore» und «A Bigger Splash», sagt der 1971 in Palermo geborene Regisseur Luca Guadagnino. Mit «Io sono l’amore» über unerfüllte Sehnsüchte konnte er nicht recht überzeugen, mit dem knallig-kühlen Remake von «Der Swimmingpool» schon eher. Auch bezeichnet Guadagnino «Call Me By Your Name» als seine «Hommage an die Väter meines Lebens: meinen eigenen und meine Kinoväter: Renoir, Rivette, Rohmer, Bertolucci …».

Und ja, mit seiner Sanftheit und seinem Sinn für Schönheit und Verfall und den Schmerz des Lebens kann «Call Me By Your Name» tatsächlich mit den grossen Vorbildern mithalten. Bücher, Kultur und Geschichte, ja sogar Politik haben genau den gleichen Stellenwert wie Bars, 80er-Sound und Aprikosensaft. Deshalb ist das Liebesdrama (dieser Begriff greift viel zu kurz) nie elitär. Hier wird ein Land in seiner Quintessenz eingefangen. Wie sagte SP-Nationalrat Corrado Pardini kürzlich im «Tagi»-Interview? «Italien ist das schönste Land der Welt.» Jeder, der «Call Me By Your Name» gesehen hat, wird dem zustimmen. Oscar-­Gewinner 2018? Man könnte gut damit leben.

Regina Grüter

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