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KINO: Wieso uns Gesang so ­direkt berührt

Der Filmemacher Bernard Weber geht in «Der Klang der Stimme» der Frage nach, wieso uns Gesang so ­direkt berührt. Er gewann den Publikumspreis in Solothurn nicht nur wegen prominenten Sängern.
Urs Mattenberger
Er fühlt sich beim Singen «zeitlos»: der Berner Jazzsänger Andreas Schaerer (rechts), hier zusammen mit dem japanischen Liedermacher Katan Hiviya. (Bild: Xenix)

Er fühlt sich beim Singen «zeitlos»: der Berner Jazzsänger Andreas Schaerer (rechts), hier zusammen mit dem japanischen Liedermacher Katan Hiviya. (Bild: Xenix)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Wann haben Sie zum letzten Mal Ihre Stimme frei von jeder Konvention, Scham und Kontrolle einfach rausgelassen? Wahrscheinlich beim Liebesakt im Moment des Orgasmus. Oder als Sie aufgeschrien haben im Schmerz oder hemmungslos schluchzten um den Verlust eines geliebten Menschen. Sicher ist nur, wann Sie es – unbewusst – erstmals taten: mit dem ersten Schrei bei Ihrer Geburt.

«Schmerz, Orgasmus, Geburt»: Es ist die Stimmtherapeutin Miriam Helle, die in Bernard ­Webers Film «Der Klang der Stimme» die Urgründe benennt, die die Stimme zum «Mysterium» machen, dem der Film in vielen Facetten und Strängen nachspürt. Wie sehr uns die menschliche Stimme berührt, bestätigte die Uraufführung an den Solothurner Filmtagen. Da gewann der in Genf geborene Filmemacher nach 2012 («Die Wiesenberger») für «Der Klang der Stimme» zum zweiten Mal den mit 20'000 Franken dotierten «Prix du Public». Gerne fügen wir dem einen Kri­tikerpreis hinzu. Denn Weber untersucht den archaischen Ausdruck der Stimme aus der Sicht von Wissenschaft, Kunst und ­Alltag.

Die wichtigsten Kron­zeugen dafür sind zwei inter­national ­erfolgreiche Schweizer Sänger – die Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann und der ­Berner Jazz-Vokalist Andreas Schaerer. Die therapeutischen Möglichkeiten zeigt eben die Arbeit von Miriam Helle. Die physiologischen Grundlagen solcher Stimmwunder ­erläutert der Wissenschafter Matthias Echternach anhand von Ultraschallbildern ihrer singenden Köpfe.

Glück statt Stress

Sie zeigen, wie Kehlkopf, Zungenschlag und Lufträume beim Singen komplex zusammenspielen. Er kann zwar erklären, wieso Singen guttut – weil es nachweislich die Ausschüttung von Stresshormonen reduziert und Glückshormone freisetzt. Aber Echternachs Untersuchungen stossen an Grenzen, wenn eine Sängerin wie Georgia Brown ihre Stimmlippen in unterschiedlichen Frequenzen von 2000 und 3000 Megahertz schwingen lässt und damit unterschiedliche Töne in höchster Höhe gleichzeitig produziert. Die Frage sei, räumt er selber ein, «wie weit man das Faszinosum der Stimme überhaupt erklären oder als ‹Mysterium› einfach stehen lassen soll».

Kinderspiele bis zur Schreitherapie

Bei Regula Mühlemann er­leben wir Zuschauer hautnah den Stress in Aufnahmesessions mit, wo jeder Aussetzer in den froh­lockenden «Exsultate»-Kolora­turen von Mozart einen neuen Take erfordert. Wie ein Kinderspiel wirkt dagegen, wenn Andreas Schaerer Klickgeräusche (mit der Zunge), Pfeifen (mit den Backen) und Singen (in der Nase) zu einem One-Man-Orchester überlagert oder mit den Instrumenten-Imitationen seiner Stimme das Zusammenspiel zwischen seiner Band «Hildegard lernt fliegen» und dem Orchester der Lucerne Festival Academy imaginiert. Und an den freien Umgang mit der Stimme, der Kindern noch hemmungslos vertraut ist, führt die Therapeutin Miriam Helle Erwachsene in ihren Workshops heran. Das reicht von Summ- und Schrei­therapien in grossen Gruppen bis zum Paar, das sie mit archaischen Singritualen darauf vorbereitet, bei der Geburt des Kindes «gemeinsam durch die Wellen der Wehen zu reiten».

Verbindung mit archaischen Energien

Erstaunlich ist, dass sich alle drei in ihren Grundaussagen dennoch ganz nahe kommen. «Ich suche nach einem 360-Grad-Rundumklang», sagt Regula Mühlemann nach einer Lektion mit ihrer Lehrerin Barbara Locher und schwärmt vom «beglückenden Gefühl, ganz authentisch im Jetzt» zu sein, wenn sie sich im Singen «öffnet, sodass jeder hineinsehen kann». Und auch Andreas Schaerer, der im Film in Hinterzimmern und auf grossen Bühnen die Poesie wie die «grausamen» Seiten des Lebens in Lauttheater übersetzt, fühlt sich im Singen «zeitlos»: «Es ist, als ob alles keine Rolle spielen würde», beschreibt er diese «Verbindung mit archaischen Energien».

Den Esoterik-Verdacht, gegen den sich Mühlemann wie Schaerer ­lachend verwahren, zerstreuen auch andere Protagonisten, etwa die Jodlerin Nadja Räss, die eine Gruppe Frauen auf hand- feste Art zum «Choren» bringt. Und das gilt erst recht für den Wissenschafter Matthias Echternach, der lapidar feststellt, dass sich das Berührtwerden durch die Stimme so wenig erklären lässt wie die «Liebe zu einem Menschen».

Bernard Weber hat vielleicht etwas viele Stränge in diesen Film eingeflochten. Aber er balanciert die vielen Perspektivenwechsel durch eine ruhige, einmal hochpoetische, einmal betont sachliche Bildsprache aus. Und die zunehmende Bündelung und Fokussierung auf die genannten Protagonisten schafft einen Spannungsbogen bis zum schönen Schluss, wo die Stränge wie in einer musikalischen Fuge eng­geführt werden und schliesslich das erwähnte Baby zur Welt kommt. Natürlich mit einem Schrei.

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