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KINO: Zürichs kalte, digitale Seele

«Dene, wos guet geit» folgt einer Erbtrickdiebin durch ein emotional unterkühltes Zürich. Und findet dafür einzigartige Bilder.
Alice versucht Pensionierte auszunehmen. (Bild: PD)

Alice versucht Pensionierte auszunehmen. (Bild: PD)

Alice arbeitet in einem Call­center in Zürichs Randgebieten. «Do isch Türli vo Everywhere ­Schwiiz?» Sie verkauft Handyverträge, Krankenversicherungen und macht Kundenbetreuung für Bankinstitute. Dabei lernt sie, wie man Pensionierte um den Finger wickelt, und beginnt sich als deren Enkelin auszugeben.

Schnell erbeutet sie so Geld. Zwei Zivilfahnder sind ihr bereits auf den Fersen. Der Plot von Cyril Schäublins Debütfilm «Dene, wos guet geit» ist mitten aus der Lebenswirklichkeit gegriffen. Doch auf allen anderen Ebenen ist in diesem Film nichts so, wie man es in den letzten Jahren im Schweizer Kino gesehen hat.

Morf und Binggeli ermitteln

Die Figuren reden fast nur von Telekommunikationsangeboten und Versicherungspolicen und haben manchmal ganz die Worte verloren: Sie diktieren sich Wifi-Passwörter, IBAN- und Kundennummer. Die beiden Fahnder heissen augenzwinkernd Morf und Binggeli und starren bei der Befragung eines Zeugen auf ihre Smartphones. Als hätten die digitalen Hilfsmittel, statt unser Leben zu erleichtern, ihm jede menschliche Wärme ausgehaucht. Kühl wirkt auch das Finanz- und Wirtschaftszentrum Zürich: Betonpfeiler, kahle Wände und Autobahnauffahrten werden zu flächigen Bildern. Die Kamera blickt statisch, und der Ton trägt zur aufgeräumten Unentrinnbarkeit der Bilder bei: Ununterbrochen rauschen Autobahnen und surren Elektrogeräte.

Dank trockenem Humor unterhaltsam

In seinem schonungslosen Blick in die profane Schweizer Lebensrealität erinnert Schäublin an den Schweizer Undergroundkultfilm «Reisender Krieger» von Christian Schocher von 1981. Doch im Gegensatz zum Improvisationskünstler Schocher spürt man Schäublins Gestaltungswillen in jeder Einstellung. In Locarno feierte er seine Weltpremiere und wurde dabei von der amerikanischen und französischen Presse gefeiert. Er wurde gar mit dem österreichischen Regisseur Ulrich Seidl verglichen. Inzwischen folgten Einladungen an Filmfestivals nach São Paulo und Rotterdam.

Das ist aussergewöhnlich für den Debütfilm eines 33-jährigen Deutschschweizers. So bedrückend die künstlerische Ausgestaltung von «Dene, wos guet geit» sein mag, so sehr steckt in ihm auch ein trockener Humor. Der trockene Witz in vielen der Dialoge macht den radikalen Blick in die kalte, digitale Seele unserer Gegenwart eigentümlich unterhaltsam.

Timo Posselt

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Läuft im Kino im Bourbaki (Lu­zern).

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