KIRCHE: Leiden eines schwulen Priesters

Der Churer Bischof sorgte kürzlich mit Aussagen über Homosexuelle für Wirbel. Ex-Priester Pierre Stutz (60) ist ein Beispiel dafür, wie schwer sich die katholische Kirche mit diesem Thema tut.

Pirmin Bossart
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Der frühere Priester Pierre Stutz outete sich vor 12 Jahren als homosexuell. (Bild: PD)

Der frühere Priester Pierre Stutz outete sich vor 12 Jahren als homosexuell. (Bild: PD)

«Einzig und allein in der Ehe kann der Gebrauch der Geschlechtskraft moralisch gut sein. Deshalb handelt eine Person, die sich homosexuell verhält, unmoralisch.» Dies steht in einem vatikanischen Schreiben aus dem Jahr 1986. Die katholische Lehre beruft sich auf die Schöpfungsordnung, gemäss welcher Mann und Frau erschaffen wurden, um Kinder zu zeugen. «Das ist bei der homosexuellen Liebe nicht möglich, also widerspricht diese Veranlagung gemäss Auslegung der Kirche der göttlichen Schöpfungsordnung», sagt Pierre Stutz (60). Der ehemalige katholische Priester legte 2002 nach 17 Jahren sein Amt nieder und lebt seitdem in Partnerschaft mit einem Mann zusammen. Als gefragter «spiritueller Autor» hat er in den letzten Jahren über eine Million Bücher verkauft. Auch die Bibel wird als Argument gegen die Homosexualität herangezogen. «Es gibt in der Bibel sechs Stellen, in denen die Homosexualität als Unzucht gebrandmarkt wird», sagt Stutz. Einige Passagen seien, gerade im Alten Testament, mit Vergewaltigungen gekoppelt und könnten somit nicht stellvertretend sein für die «homosexuelle Liebe» zwischen zwei Menschen. «Generell ist ein grosser Teil der Bibelforscher der Auffassung, dass die Bibel an vielen Stellen nicht wörtlich gelesen werden kann, sondern aufgrund des unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes zeitgemäss interpretiert werden muss.»

Das Zölibat unterschätzt

Doch wie wurde sich Pierre Stutz bewusst, dass er nicht mehr als Priester wirken konnte? Die Homosexualität sei in ihm immer latent vorhanden gewesen. «Aber ich war auch immer ein spiritueller Mensch.» Als er sich entschloss, Priester zu werden, ging er davon aus, dass die sexuelle Orientierung aufgrund des zölibatären Lebens keine Rolle spielen würde. «Das ist ein Irrtum. Auch wenn man bewusst zölibatär lebt, kommt man nicht darum herum, die sexuelle Orientierung zu integrieren. Ich habe viel gelitten und war depressiv.» Mit 49 Jahren machte Stutz sein Coming-out. Der Leidensdruck war zu gross geworden. «Bezeichnenderweise fühlte ich mich je elender, desto erfolgreicher ich wurde. Das Geradestehen für eine Sache und das Zu-sich-Stehen waren meine Themen. Ich merkte immer stärker, dass ein Teil von mir nicht mehr stimmig war.» Da er als Autor und Referent bereits eine öffentliche Person war, machte er eine Pressekonferenz und gab bekannt, dass er das Priesteramt niederlegen würde. Stutz verhehlt nicht, dass er grosse Ängste ausgestanden hatte, nach diesem Schritt vielleicht nie mehr Vorträge halten zu können und gemieden zu werden. «Das Gegenteil war der Fall. Ich habe damals 800 Briefe erhalten. 780 drückten Anerkennung und Hochachtung aus, 20 bedauerten mich oder sahen mich in der Hölle. Auch mein Umfeld zeigte totales Verständnis.» Von der Kirche wurde er sofort suspendiert. «Das war mir klar, ich kannte ja die Spielregeln. Trotzdem hatte es für mich etwas Verletzendes, dass ich ungeachtet aller Kompetenzen als Priester einzig und alleine auf diese Frage reduziert wurde.»

Jeder dritte Priester homosexuell?

Stutz geht davon aus, dass mindestens ein Drittel der katholischen Seelsorger schwul ist und ein Drittel der heterosexuellen Priester eine Frauenbeziehung hat. «Es gibt weltweit 80 000 katholische Priester, die ihr Amt niederlegten und heirateten.» Auch die Basis empfindet diese Doppelmoral zunehmend als schwierig und setzt sich für eine neue Ausrichtung der Kirche ein. 2011 haben im Memorandum «Kirche 2011 – ein notwendiger Aufbruch» 311 katholische Universitätsprofessoren aus dem deutschsprachigen Raum eine Reform der römisch-katholischen Kirche gefordert und festgehalten, dass die herrschende Sexualmoral der Kirche nicht mehr tragbar sei. Schon 2001 hat sich der Schweizerische Katholische Frauenbund in seinem Grundsatzpapier «Unsittliches Tun oder anerkennenswerte Lebensform?» für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Kirche und Gesellschaft bekannt. Auch die aktuelle Pfarrei-Initiative Schweiz zur Erneuerung der Kirche spricht deutliche Worte. «Wir betrachten die Menschen mit ihren verschiedenen sexuellen Orientierungen selbstverständlich als unsere Schwestern und Brüder und setzen uns dafür ein, dass sie mit allen Rechten und Pflichten zu unserer Kirche gehören», heisst es in diesem Manifest.

Appell von Theologinnen

Anfang dieses Jahres hat auch der Churer Bischof Vitus Huonder mit seinen Aussagen über Homosexuelle und Geschiedene für Wirbel gesorgt. Diese Gläubigen leben gemäss Huonder in einer «irregulären Situation». Sie sollen beim Gang zur Kommunion vor den Priester treten, dabei ihre Arme verschränken und so signalisieren, dass sie keine Kommunion empfangen dürften. Darauf würden sie vom Priester gesegnet. Stutz empfindet das als eine «absolute Demütigung». Er ist nicht der Einzige. «Es ist ein Segen, der für uns diesen Namen nicht verdient, weil wir ihn als eine Art Trostpreis verstehen», heisst es in einem Appell von drei Theologinnen, der inzwischen von über 1800 Seelsorgenden unterschrieben worden ist. Eine der Initiantinnen ist die Luzerner Theologin Jacqueline Keune.

Wie denkt der neue Papst Franziskus über die Frage? Von ihm stammt die Aussage: «Wenn jemand homosexuell ist, Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, ihn zu verurteilen.» Auch hat er die Existenz von «schwulen Seilschaften» im Vatikan bestätigt. Trotzdem vertritt auch er die alte moralische Linie, wonach homosexuelle Menschen zwar respektiert werden, aber ihre Sexualität im Sinne der kirchlichen Lehre nicht leben dürfen. Pierre Stutz ist dennoch hoffnungsvoll: «Franziskus spricht mit einem neuen Ton. Er geht mehr vom Menschen aus und weniger von der Doktrin. Der Umgang, den er bisher gepflegt hat, war für mich jedenfalls überraschend.»

Hinweis

Katholische Dialoge im Romero-Haus Luzern: Lesben und Schwule in der Kirche. Mit Pierre Stutz und Hildegard Schmittfull (Leitung Erwin Koller). Montag, 27. Januar 2014, 14 Uhr.

www.pierrestutz.ch; www.romerohaus.ch