KKL: Academy gelingt Stilwechsel

Beim Abschlusskonzert des Academy Orchestra fehlte es nicht an technischer Finesse, dafür ein wenig an Ironie. Die Bilanz lässt sich dennoch sehen.

Simon Bordier
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Die Nachwuchsmusiker des Academy Orchestra überzeugten mit ihrer spür- und hörbaren Experimentierfreude. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Die Nachwuchsmusiker des Academy Orchestra überzeugten mit ihrer spür- und hörbaren Experimentierfreude. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Ob mit den Sinfonien Gustav Mahlers die musikalische Spätromantik ausklingt oder bereits das Zeitalter der Moderne eingeläutet wird, ist auch gut hundert Jahre nach dem Tod des Komponisten umstritten – und hängt vom jeweiligen Stück ab. Mahlers 4. Sinfonie in G-Dur, die er 1901 vollendete, weist weit weniger stark ins 20. Jahrhundert als andere Werke, sondern lehnt sich gut hörbar an die romantische Tradition an.

Das hielt Matthias Pintscher am Samstag im KKL nicht davon ab, das Werk mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra aufzuführen, dem Nachwuchsorchester des Festivals fürs zeitgenössische Repertoire.

Für romantisch gestimmte Ohren klang dies nicht besonders überzeugend. Zwar zeigte Pintscher am Abschlusskonzert der Academy seine Qualitäten als Dirigent: Seine präzise Schlagtechnik, seine klare, wirkungsvolle Gestik und – was im Fall der Mahler-Sinfonie besonders auffällt – sein ausgeprägter Sinn für die Komplexität der Partitur überzeugten. Aber der doppelte Boden, die ironischen Momente des Werks waren kaum spürbar. Denn dafür liess Pintscher zu wenig Raum für die individuelle Ausgestaltung der Melodien und den Dialog unter den Musikern.

Hannigan war schon besser

Der Konzertmeisterin Choha Kim gelang im zweiten Satz dennoch ein eigenwilliges und umso überzeugenderes Geigensolo, während das Orchester in den Walzer- und Ländlertakten schwelgerische Seiten zeigte. Die Besetzung im vierten, liedhaften Satz mit der Sopranistin Barbara Hannigan war hingegen etwas fragwürdig; die diesjährige «Ar­tiste étoile» überzeugte bisher am Lucerne Festival weit stärker als Interpretin zeitgenössischer Stücke.

Neben Hannigan und Pintscher war beim Konzert als weiterer Protagonist des Academy-Sommers 2014 Johannes Maria Staud anwesend. Der diesjährige Composer in Residence erlebte im Publikum die Uraufführung seines zweiteiligen Stücks «Zimt», das erstmals zusammenhängend gespielt wurde.

Launisch wie das Wetter

Der 40-jährige Österreicher hatte sich von Texten des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz inspirieren lassen: Raschelnde Klänge, die durch ihre wilde Abfolge ein unberechenbares Element einbrachten, verzerrte Klangspiegelungen zwischen den Instrumenten und wilde Tanzrhythmen, in denen sich das Orchester mit geeintem Willen manifestierte, wechselten sich launisch wie das Wetter ab. Dieses Kräftespiel vermochte aber nicht mehr Spannung zu erzeugen als das Wetter, auf das Staud immer wieder anspielt: Wenn ein Gewitter aufkommt, wirds plötzlich spannend, sonst ist es nicht weiter aufregend.

Das Abschlusskonzert überzeugte somit mit seinem Programm, aber mehr noch mit der spürbaren Experimentierfreude und technischen Finesse. Davon konnten sich auch die Luzerner Gasteltern der 160 Academy-Musiker überzeugen; kennzeichnend dafür, dass sich das Festival dem breiten Publikum öffnet. Vor allem Gratis-Konzertformate wie die «40min»-Reihe oder die «Lounge» im Bourbaki erwiesen sich diesen Sommer selbst mit schwierigen zeitgenössischen Programmen als Publikumsrenner.

Neue stilistische Vielfalt

Mindestens so attraktiv wie die Programme selbst waren dabei die glänzenden Protagonisten – neben Hannigan und Pintscher waren auch Simon Rattle, Dirigent der Berliner Philharmoniker, und der Schweizer Komponist und Dirigent Heinz Holliger zu erleben.

Nachdem Pierre Boulez als künstlerischer Leiter der Academy aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten musste, überzeugte das Orchester weniger mit einem einzelnen Dirigenten (und möglichen Nachfolger für Boulez) als mit der neuen stilistischen Vielfalt.