KKL: Alle Stärken von Bläsern ausgespielt

Das Blasorchester Stadtmusik Luzern bewies am Samstagabend Mut zu Originalität und Anspruchshaltung. Dabei zeigte es auch, wie ­opulent sein Klang sein kann.

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Der neue Chefdirigent Hervé Grélat brachte das Blasorchester Stadtmusik Luzern zu Höchstleistungen. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Der neue Chefdirigent Hervé Grélat brachte das Blasorchester Stadtmusik Luzern zu Höchstleistungen. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Gerda Neunhoeffer

Wie nahe sich die Klänge eines Blasorchesters und eines grossen Sinfonieorchesters kommen können, wurde am Samstagabend im Konzertsaal des KKL eindrücklich klar. Da präsentierte sich das Blasorchester Stadtmusik Luzern mit einem mutigen, originellen und anspruchsvollen Programm voller Kontraste und mit sinfonischen Klangfarben.

Spannend wie das Interview mit dem neuen Chefdirigenten Hervé Grélat (vom 27. Januar in dieser Zeitung), in dem er über die vielfältigen Möglichkeiten des Blasorchesters sprach, gestaltete er das Jahreskonzert. Und dass er die Musik durch Geschichten und Bilder erklären kann, bewies er in der differenzierten Gestaltung der ausgewählten Werke.

Die Irrfahrten des Odysseus

So zeigte das Orchester in «Wine-Dark Sea – Symphony for Band» von John Mackey (geb. 1973) sein vielseitiges Können. Klug, dass dies als Selbstwahlstück für den eidgenössischen Musikwettbewerb 2016 in Montreux erkoren wurde. Mit einer Fanfare begannen die Irrfahrten des Odysseus, vierzig Jahre wurden hier musikalisch komprimiert in dreissig Minuten!

Dynamisch fein ausgewogen liess Grélat seine Musiker das Geschehen interpretieren. Über dem rhythmisch verzahnten Trommelspiel entfalteten sich Melodien und Rufe, die sich in immer turbulentere Klangbilder wandelten. Da meinte man plötzlich, Themen aus Bernsteins «West Side Story» zu hören, dann wieder ging das Forte im Tutti durch Mark und Bein, bis nur noch kleine Terzrufe langsam verebbten.

Im ausgedehnten zweiten Satz erklang über Harfe, Vibrafon und Klavier der sirenengleiche Gesang der gedämpften Trompete, und man meinte die Verführungskünste der Kalypso in Klarinette, Flöte und Saxofon zu hören. Weiche Cluster des ganzen Orchesters untermalten die ruhig und klangvoll gespielten Themen.

Endlich schien Odysseus zu fliehen, und in virtuosen Läufen über Klavierarpeggien und Xylofon glänzten vielfältige Soloeinwürfe. Unterstützt von den Schlagzeugern, die nochmals zu Höchstform und unglaublicher Klangvielfalt in Marimbafon, Vibrafon und Oceandrum aufliefen, steigerte sich das Orchester im fulminanten Finale zu voller Strahlkraft und riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

Swingendes Karussell

In dem «Clarinet Concerto» von Martin Ellerby (geb. 1957) mit dem Klarinettisten Dimitri Ashkenazy vermischten sich im ersten Satz Solo und Orchesterklang zu einer swingenden Einheit, in der die Soloklarinette bisweilen besonders aufleuchtete. Rhythmisch betont, rasch und präzise drehten sich die Melodien wie auf einem Karussell durch alle Register.

Im langsamen zweiten Satz entfaltete Ashkenazy den weichen Klang seiner Klarinette über den sensiblen Orchesterstimmen und zelebrierte fein melodiöse Dialoge mit Oboe und Flöte. Den krassen Gegensatz dazu bildete der jazzige letzte Satz, der von lebendiger Spritzigkeit geprägt war. In der Zugabe «Cumha craobh nan teud» zauberte Ashkenazy eine elegische Melodie, die von der Tiefe bis in luftige Höhen zu schweben schien.

Wuchtige Akkorde

«Romeo und Julia», Titel des Konzertes, war ein weiterer Höhepunkt. In einer fünfsätzigen Suite aus dem Ballett von Sergej Prokofjew, die der Japaner Akira Yodo für Blasorchester zusammengestellt und instrumentiert hat, bewiesen die Luzerner, dass die Klangfarben des Blasorchesters einem Werk besonderen Charakter verleihen können. Da tönten die scharfen, wuchtigen Akkorde besonders eindrücklich, während die lichten Stellen mit weicher Sanftheit überzeugten.

Wie filigran und gleichzeitig virtuos das Orchester agieren kann, kam reizvoll in den schnellen Tanzszenen zum Ausdruck. Einprägsame Soli beeindruckten, und man vermisste selbst in den virtuo­sen Läufen die Streicher nicht – dabei sind virtuose Unisono-Stellen in den Klarinetten gewiss nicht einfach!

Wie flexibel das Blasorchester in jeder Hinsicht ist, wurde in der abschliessenden Suite aus «Gayaneh» von Chatschaturjan hörbar. Obwohl da im berühmten «Säbeltanz» rhythmisch und intonationsmässig nicht alles stimmte, überzeugte doch auch hier das leidenschaftliche Musizieren unter dem klaren Dirigat Grélats.

Wiegend wurde «Lullaby» ausgespielt, und das gemächliche Schreiten im «Dance of young Maiden» erklang ebenso plastisch wie das vehement virtuose Tutti im letzten Satz. Nach lang anhaltendem Beifall gab es Schostakowitschs Galopp als schmissige Zugabe.