KKL: Artistischer Flug zu den Sternen

Artistik ohne halbszenische Kompromisse: Die «Circus Symphony» erwies sich als Pionierprojekt für theatrale Produktionen im Konzertsaal.

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Nina Burri bot mit ihren Verrenkungen das optische Aufwärmstück zu Bizets «Carmen». (Bild: Philipp Schmidli)

Nina Burri bot mit ihren Verrenkungen das optische Aufwärmstück zu Bizets «Carmen». (Bild: Philipp Schmidli)

Urs Mattenberger

Noch nie war man den Sternen so nahe, die Architekt Jean Nouvel mit unzähligen Lichtern auf die Decke des KKL-Konzertsaals gezaubert hat. Dass der Himmel über der Konzertsaal-Bühne bisher nicht genutzt wurde, liegt an der fehlenden Theaterinfrastruktur. Weil sie keine Aufzüge und neben dem Orchester kaum Spielfläche bietet, beschränkten sich halbszenische Projekte etwa des Lucerne Festival bisher auf Andeutungen am Rand.

Insofern erwies sich das neue Show-Format, das der Veranstalter Obrasso-Classics am Dienstag präsentierte, als echtes Pionierprojekt. So wurde für den Auftritt von Zirkusartisten zu klassischer Musik eines Sinfonieorchesters erstmals die Bühne um einen Catwalk erweitert: Die zusätzliche Spielfläche, die in der Mitte 5 Meter in den Publikumsbereich hineinragt, schuf vor dem nach hinten verlegten Orchester genügend Platz, selbst für raumgreifende Nummern. Der spektakulärste Coup war, dass ein Aufzug hoch oben am Konzertsaalhimmel frei schwebendes Spiel mitten im Raum ermöglichte.

Artistische Höhepunkte

So markierten die artistischen Darbietungen die Highlights an diesem Abend. Nina Burris schlangengleiche Verrenkungen zu Bizets «Carmen» blieben dafür das optische Aufwärmstück. Aber als Katrina Asfardi solche Kontorsionskünste im fliegenden Fenster vorführte und durch den Raum zu den Sternen segelte, verschlug es einem erstmals den Atem. Dass das nicht nur Selbstzweck ist, sondern auch zur Musik passen kann, bewies Saulo Sarmientos Nummer am schwebenden Mast: Die athletischen Sprünge an die in die Höhe entschwebende Stange und der Gleitflug im Rund über die Spielfläche setzten sowohl die Schwerelosigkeit als auch die Dramatik von Tschaikowskys «Schwanensee»-Musik suggestiv um.

Solche Bezüge zwischen der Musik und den artistischen Darbietungen gab es erstaunlich oft. Zum Adagio von Mahlers fünfter Sinfonie etwa überraschte das Duo Unity mit einem traumwandlerischen Liebesduett: Es übersetzte die Emotionalität von Mahlers Musik in kraftvoll stilisierte Liebesakte – eng verknäuelt im German Wheel –, liess aber das Riesenrad auch wie von selbst rollen als kreisrundes Yin-Yang-Symbol.

Tusch und Poesie

Es war dennoch diese Nummer, die zeigte, dass sich die hier vereinten Welten doch auch aneinander rieben. So ging Mahlers Musik, wo sie sich ins geheimnisvolle Pianissimo zurückzieht, im wiederholten Szenenapplaus völlig unter. Besser funktionierte das Zusammenspiel, wo die Musik handfeste Effekte miteinbezog.

So passte Tschaikowskys Onegin-Walzer zu den poetischen Jonglagen von David Severins bis hin zum orchestralen Schlusstusch. Und die halsbrecherische Körperturm-Athletik des chinesischen Duos Yingling untermalten Smetanas Moldau-Fluten dramatisch wie im Krimi, als diese in einem Handstand auf dem Kopf der Partnerin gipfelte.

Während die Artistik der Musik auch mal schlicht die Show stahl, wie bei der stupenden Leiterakrobatik von Jean-Ferry, brachte der Blockflötist und Komiker Gabor Vosteen beides zusammen. Er gab dem Abend einen roten Faden, wenn er dem Dirigenten ins Handwerk pfuschte. Und er steuerte Kabinettstücke an clownesker Komik bei, wenn er mit seinen Flöten – gespielt aus Mund und Nasenlöchern – zauberte oder Konzertbesucher aus dem Publikum für eine improvisierte Version des Kotelett-Walzers auf der Bühne versammelte.

Steigerungspotenzial

Damit erwies sich diese ambitionierte Eigenproduktion als neues Show-Format, das das poppig ausgeleuchtete Entertainment, wie man es vom World Band Festival desselben Veranstalters kennt, direkt weiterführt, aber theatral deutlich aufwertet. Und es könnte durchaus als neues Konzertformat funktionieren, das ein breiteres Publikum an die Klassik heranführt, wie es Produzent Werner Obrecht vorschwebt (siehe Interview in der «Zentralschweiz am Sonntag»). Ein Beweis dafür waren die hellen Kinderstimmen, die am Dienstag von den Balkonen hinunter ausgelassen ins Parkett kicherten.

Diesbezüglich zeigte der Abend freilich auch Steigerungspotenzial. Zu selten fanden Artistik und Musik in der magischen Stille zusammen, die beide auf ihre Weise kennen. Zudem blieb die Musik selber eher im Hintergrund. Das lag zum einen daran, dass die von Andreas Spörri geleitete Südwestdeutsche Philharmonie das Brio und die Klangintensität vermissen liess, die man von normalen Konzertauftritten dieses Orchesters kennt. Zum andern lag es am begeisterten Applaus des Publikums, das den Abend immer wieder mit Zwischenapplaus und zum Schluss begeistert feierte.