KKL: Auch Blut und Schleim zum Muttertag

Populäre Stücke und ein Wagnis: Zum Muttertag gibt es ein Bouquet aus bekannten Stücken. Doch auch die Moderne hat ihren Platz. Das Luzerner Sinfonieorchester überzeugt allerdings erst im zweiten Teil so richtig.
Roman Kühne
Olli Mustonen (links) trat nicht nur als Pianist, sondern auch als Dirigent des Luzerner Sinfonieorchesters auf. (Bild: Philipp Schmidli (13. Mai 2018))

Olli Mustonen (links) trat nicht nur als Pianist, sondern auch als Dirigent des Luzerner Sinfonieorchesters auf. (Bild: Philipp Schmidli (13. Mai 2018))

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Unterschied ist augenfällig. Es ist Muttertag: Wo sonst graue Häupter dominieren, sieht man auch eine stattliche Zahl Kinder, Teenager und jüngere Erwachsene. Und ja, viele sind in Begleitung ihrer Mutter oder Ehefrau.

Zusätzlich drängt nach der Pause eine ganze Kinderschar auf die Empore hinter dem Orchester. Denn parallel zum Konzert wurde für die Kleinsten eine Musikwerkstatt organisiert. Derart mit Klängen, Tanz und Spiel ausgerüstet, dürfen die Nachwuchsklassiker das letzte Stück des Morgens, die vierte Sinfonie von Felix Mendelssohn, live erleben.

Körpersäfte, die das Wesen eines Menschen ausmachen

Schon vorher serviert das Luzerner Sinfonieorchester einen vielfältigen, nicht immer ganz einfachen Menüvorschlag. Da ist etwa das zweite Stück des Konzertes, «Die vier Temperamente» von Paul Hindemith. Ob es thematisch das richtige Werk für einen Muttertag ist? Vergnügliche Musik ist es alleweil. Denn es geht um Körperflüssigkeiten, um Blut und Gallensäfte. Die Grundidee entstammt dem Bild «Das Schlaraffenland» von Pieter Bruegel dem Älteren. Drei Männer schlafen rund um einen Baum, faul und satt. Zusammen mit der Temperamentenlehre, inspiriert aus Antike und Mittelalter, liess Hindemith sich bewegen, diese Musik zu schreiben.

Jene Lehre erklärt die verschiedenen Charakteren anhand der Körpersäfte rotes Blut, weisser Schleim, gelbe und schwarze Galle. Einzig in einem sündenfreien Wesen sind die vier Säfte im Gleichgewicht. Ist aber eine Flüssigkeit im Überfluss vorhanden, gerät der Zustand des Individuums arg ins Wanken.

Dem Publikumszuspruch tut dies keinen Abbruch. Ob im melancholischen zweiten Satz, getränkt in der schwarzen Galle, oder der Phlegmatiker, der sich mit seinem Schleim schleppend durch den vierten Satz quält: Es ist ein attraktives Stück, das die verschiedenen Charakterzüge plastisch formt. Das Luzerner Sinfonieorchester spielt wuchtig den traurigen Marsch der Melancholie. Die Konzertmeisterin Lisa Schatzmann steuert ein schwebendes und trauriges Solo bei. Oder auch die Einleitung des Streichquartetts in die «Phlegmatik», das hüpfende Scherzando, sind überzeugende Momente.

Vieles bleibt aber etwas lau. Verglichen mit dem Solisten am Klavier spielt das Orchester breit, lässt die Spannung teils hängen. Das Lautstärken-Spektrum dürfte vor allem nach unten vielfältiger sein.

Dazu mochte der Solopart am Klavier von Olli Mustonen nicht recht passen. Mit Schlenkern und zugespitzten Noten charakterisiert er etwa die sanguinische Übereifrigkeit und Nervosität der «II. Variation», spielt überaus ­intensiv und energiegeladen. Ein nicht aufgelöster Kontrast zum übrigen Orchester.

Der Finne ist in der heutigen Zeit der Spezialisierung eine aussergewöhnliche Erscheinung. Tritt er doch nicht nur als Solist, sondern ebenfalls als erfolgreicher Dirigent und Komponist auf. Aber auch der von ihm dirigierte Auftakt, das «Brandenburgische Konzert Nr. 2» von Johann Sebastian Bach, kommt nicht zur vollen Geltung. Die Begleitung ist zu laut, das Stück wird praktisch zu einem Solowerk für den Trompeter. Dafür kann der exzellent aufspielende Miroslav Petkov wenig. Der Solotrompeter des Royal Concertgebouw aus Amsterdam ist schlichtweg der Einzige, der genügend klar durchkommt. Nur im Andante, in der kleinen Besetzung mit Basso Continuo, können die Solisten des Orchesters, Eva Schatzmann (Violine) und Andrea Bischoff (Oboe) und der Luzerner Blockflötist Pius Strassmann, sich freier entfalten.

Einwürfe ausserhalb von Zeit und Metrum

Eine deutliche Steigerung kennzeichnet den zweiten Teil. Vor allem das Mozart-Klavierkonzert Nr. 11 versprüht einen anderen Geist. Olli Mustonen spielt den Solopart kurz und spritzig, mit teils eigenwilligen Phrasierungen auf kleinstem Raum. Variantenreich im Tempo gestaltet er fast kapriziöse Momente, frisch und überraschend. Im Andante setzt er Viertel und Einwürfe ausserhalb von Zeit und Metrum, gibt dem Stück eine neue, fast fremdartige Spannung und Kreativität.

Auch im Orchester findet eine spürbare Belebung statt. Die Einleitung zum «Andante», die tanzenden Celli und Bässe, der anschwellende Aushalter der Violen: Deutlich treten Gestaltungslust und Sensibilität im Zusammenspiel zu Tage. Die finale «Sinfonie Nr. 4» von Felix Mendelssohn erklingt mit ähnlicher Frische. Die Klangbalance ist nuancierter. Nur in den lauten Stellen steigt immer noch die Kraft und sinkt das Volumen. Insgesamt liefert der zweite Teil des Konzerts das festliche Niveau, das einem Muttertag gebührt.

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