KKL: «Beethoven-Orchester» in Hochform

Beethoven wird zum Zeitgenossen: Mit der Solistin Maria João Pires gelingt dem Luzerner Sinfonieorchester ein sensationeller Saisonauftakt.

Urs Mattenberger
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Im Blickkontakt mit Dirigent und Orchester: die Pianistin Maria João Pires im KKL. (Bild Pius Amrein)

Im Blickkontakt mit Dirigent und Orchester: die Pianistin Maria João Pires im KKL. (Bild Pius Amrein)

Niemand hätte einen Chaoten erwartet, als Intendant Numa Bischof Ullmann im KKL-Konzertsaal das Publikum des Luzerner Sinfonieorchesters (LSO) zu diesem Beethoven-Abend begrüsste. Schliesslich steht der Name Beethoven, so Bischof, für ein «klassisch-romantisches Programm» mit Werken aus der Gründungszeit des Orchesters nach 1800. Zudem verheisst die portugiesische Pianistin Maria João Pires (70) Festival-Renommee – ebenso wie die eben abgeschlossene erste Südamerika-Tournee des Orchesters, an die in diesem Programm Webers schmissig aufblitzende «Oberon»-Ouvertüre erinnerte. Kommt hinzu, dass das LSO mit alledem zweimal – am Mittwoch und gestern Abend – ein volles Haus mit je gut 1700 Besuchern hatte.

Der Chefdirigent setzt Akzente

Ein ganz klassischer, unaufgeregter Abend im Zeichen von Prestige und Tradition also? Dem machte eben der Chaot im Programm einen Strich durch die Rechnung. Für seine Zeitgenossen nämlich war Beethoven nicht der unantastbare Titan, als den ihn später ein hehres Beethoven-Bild feierte, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Im Essay im Programmheft war vielmehr nachzulesen, wie selbst ein innovativer Komponist wie Carl Maria von Weber verständnislos der als «chaotisch-konfus» empfundenen Musik des späteren Beethoven gegenüberstand.

Das Ereignis war, wie sehr dieser Wandel, weg vom Pathos, hin zum Drama, die Interpretationen des Orchesters unter seinem Chefdirigenten James Gaffigan prägte. Der Amerikaner setzte nicht nur auf scharfe Akzente und rasche Tempi, die konventionelle Orchester am leichtesten von der Originalklangbewegung kopieren können. Vielmehr überraschte ein stark kammermusikalisch aufgelichtetes Klangbild, das nicht nur das «chaotische» Innenleben dieser Musik nach aussen kehrte, sondern viel Raum liess für eine flexibel und weich atmende Phrasierung und Dynamik. In dieser Hinsicht erreichte dieses «Beethoven-Orchester» (Bischof) durchaus eine neue Dimension.

Dramatische Präsenz am Flügel

Das kam in Beethovens drittem Klavierkonzert umso deutlicher zur Geltung, als sich Maria João Pires ihrerseits kammermusikalisch in den Dialog einfügte, den das Orchester mit einer federnd und luftig leichten Gangart vom ersten Ton an anstrebte. Auch Pires tat es, zierlich und mit einer so intensiven wie unglamourösen Ausstrahlung, natürlich nicht mit der grossen Pranke. Aber wie sie durch klangliche Intensität und pointierte Artikulation dem Flügel auch zu dramatischer Präsenz, ja Biss verhalf, war ganz grosse Klasse. Und erst recht galt das für ihre kantable Sensibilität in den lyrischen Dialogen mit dem weit aufgefächerten Orchester. Der anhaltende begeisterte Applaus des Publikums konnte die Pianistin doch noch zu einer Zugabe bewegen: Der «Vogel als Prophet» aus Schumanns Waldszenen war in seiner kristallinen Leuchtkraft ein kleines Wunder an Klarheit und Poesie.

Wer fürchtete, danach müsste ein Allerweltsstück wie Beethovens fünfte Sinfonie zwangsläufig abfallen, wurde nach der Pause eines Besseren belehrt. Gaffigan vermied trotz zügiger Tempi klug die Gefahr allzu rascher knalliger Effekte. Im ersten Satz zauberte er aus dem bekannten, das ganze Werk durchziehende Klopfmotiv des Beginns immer wieder überraschenden rhythmischen Drive und sparte sich deutliche klangliche Steigerungsmöglichkeiten auf – bis in die Coda und über alle vier Sätze hinweg ins strahlende Finale. Im von aller Pathosschwere befreiten Andante kehrte der kammermusikalische Ansatz harmonische Metamorphosen und rhythmische Stolpersteine so pointiert heraus, dass man sie so verstörend empfand, wie es eben für Beethovens Zeitgenossen wirken musste. Und in den gespenstischen Klangmixturen des dritten Satzes nahm dieser Beethoven unmittelbar die urromantischen Mysterien eines Weber vorweg.

Wechsel und Umstellungen

Dass das LSO den schlanken Ansatz in den dramatischen Eclats doch auch zu schneidender Schärfe verdichtete, verhalf dem Konzert zu den traditionell erwarteten, äusserlichen Höhepunkten. Mag sein, dass es mit dem Training während der vorangegangenen Tournee zusammenhing, mit der Orchesteraufstellung mit beidseitig verteilten Geigen oder personellen Wechseln im Orchester: Im Ganzen wie auch in einzelnen Soli (Klarinette, Flöte, Hörner) zeigte sich das Orchester in Hochform, ein paar Ungenauigkeiten fielen nicht ins Gewicht. Ein sensationeller Saisonstart.