KKL: Das Publikum machte beim Volksfest mit

Eine Jazz-Oper und romantische Sinfonik: Der G.-F.-Händel-Chor Luzern und das Orchester Santa Maria machten aus Gershwins «Porgy and Bess» und Dvoráks Sinfonie «Aus der neuen Welt» einen einzigen Greatest Hit.

Urs Mattenberger
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Die schwarzen Solisten waren eine Wucht: Lawrence Derrick und Ebony Preston Woods im Konzert des Händel-Chors im KKL. (Bild: Nadia Schärli)

Die schwarzen Solisten waren eine Wucht: Lawrence Derrick und Ebony Preston Woods im Konzert des Händel-Chors im KKL. (Bild: Nadia Schärli)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Kritiker rümpfen über beliebige Greatest-Hits-Programme in der Regel die Nase. Aber der G.-F.-Händel-Chor und das Orchester Santa Maria Luzern bewiesen gestern im Konzertsaal des KKL, wie man damit raffiniert ein Stück Musikgeschichte lebendig machen kann. Und das mit zwei Werken, die denkbar unterschiedlich zu sein scheinen.

Vor der Pause erklang George Gershwins Jazz-Oper «Porgy and Bess», für deren Hitpotenzial der Song «Summertime» steht, der die hier aufgeführte konzertante Fassung für zwei Solisten, Chor und Orchester eröffnet. Nach der Pause spielte das Orchester Dvoráks neunte Sinfonie «Aus der neuen Welt», die ihren Siegeszug antrat.

Die Pointe des Programms lag darin, dass Dvorák 1892 als Konservatoriumsdirektor nach New York berufen wurde, um einen Beitrag zu einer amerikanischen Nationalmusik zu liefern. Und dass er mit Blick auf die Urformen des Jazz meinte, eine amerikanische Musik müsse im «eigenen Boden» verwurzelt sein. Es war diese Synthese aus afroamerikanischen Einflüssen mit europäischer Orchesterkultur, die Gershwin verwirklichte.

Schwarze Sänger, europäischer Chor

Wie viel von solchen Zusammenhängen würde man im Konzert hören? Schon der Auftakt zur Konzertfassung von Gershwins Oper stellte beide Stränge heraus und verwischte sie zugleich. Die Blitzgewitter von Schlagwerk und Bigband-Blech, die das Orchester unter der Leitung von Pirmin Lang präzis und lässig entfachte, hatten die Kraft eines anarchischen Jazz. Aber als die schwarze Solistin Ebony Preston Woods ihre dunkle Sopranstimme durch «Summertime» floaten liess, blieb sie eingebettet in das impressionistische Parfüm schmelzender Violinen.

Während das Orchester zwischen solchen Welten vermittelte, verkörperte das Solistenpaar wunderbar die afroamerikanischen Wurzeln des Werks: Der Bassbariton Lawrence Derrick zauberte mit wendiger Stimme und launenhafter Theatralik das bunte Strassenleben der Catfish Row auf die Bühne. Woods steigerte ihren Sopran zu dramatischer Schärfe und taumelte in jazzigen Phrasierungen und mit drastischem Realismus in den Schmerz einer Frau ein, die ihren Mann verloren hat. «Since My Man Is Dead», gesungen mit zitternden Händen, dürfte auch all jenen eingefahren sein, die wegen der fehlenden Inhaltsangaben im Programmheft ratlos blieben vor diesem Werk.

Ein ausgeprägt europäisches Element bildete demgegenüber der Chor. Im Verein mit kantigen Blechbläsersätzen fand der Händel-Chor zwar zu grosser rhythmischer Schlag- und zu durchdringender, allumarmenden Strahlkraft. Aber der Hang zum weichen, romantischen Grosschorklang legte sich doch einmal wie ein Teppich über die Stimmen der Solisten. Allerdings belebte diese Menge auch unerwartet das Treiben auf der Catfish Row. Und als im hier ins Positive gewendeten Schluss alle zusammenfanden und das Publikum bei der Wiederholung gar mitklatschte, geriet die Aufführung zum Volksfest, wie man es im Konzertsaal selten erlebt.

Eine Folk-Zugabe von Dvorák

Da war es eine grosse Leistung, dass der zweite Konzertteil allein mit dem Orchester Santa Maria und Dvoráks neunter Sinfonie nicht abfiel. Diese hörte man im Unterschied zur Jazz-Oper tatsächlich mit anderen Ohren.

Die von Gershwin gellend spitz eingesetzte Klarinette verströmte hier romantische Melancholie, die Prärieweite, die der sich ruhevoll verbreitende langsame Satz suggeriert, konnte man sich als endlose Plantagenfelder vorstellen. Die Blechbläser, die bei Gershwin eine stark rhythmische Funktion haben, türmten sich zu majestätischer Fanfarenmelodik.

Aber Droujelub Yanakiew setzte nicht pauschal auf grosse Effekte, die diese ermöglicht. Lauernd gespannt war die Einleitung, bis in Begleitstimmen hinein wurden im ersten Satz erregte Impulse gebündelt, die grossen Blechaufmärsche behielten bis ins Finale eine überraschende, fast tänzerische Leichtigkeit. Der «Slawische Tanz», mit dem sich das Orchester für den Applaus bedankte, war mehr als Zugabe, sondern schlug quasi den Bogen zurück zu Gershwins «Folk-Opera». Ein Greatest Hit war damit auch das Programm als Ganzes.