KKL: Die Alpenbeschwörung wird japanisch

Ein Prestigeprojekt aus politischem Anlass: Eine Japan-Schweiz-Oper verpasste trotz hochkarätiger Musiker die interkulturelle Begegnung.

Urs Mattenberger
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Zwischen privater Esoterik und Kulturaustausch: Szene aus der Oper «Zwischen Zeiten – Zwischen Welten» im KKL. (Bild: PD/Kazuyuki Kitamura)

Zwischen privater Esoterik und Kulturaustausch: Szene aus der Oper «Zwischen Zeiten – Zwischen Welten» im KKL. (Bild: PD/Kazuyuki Kitamura)

Ein Musiktheater, in dem sich die Kulturen von Japan und der Schweiz begegnen? Schon dieser Anspruch liess vor der Uraufführung des Werks «Zwischen Zeiten – Zwischen Welten» am Freitag im KKL aufhorchen. Und das galt erst recht für die Liste der Mitwirkenden für diese Produktion zum 150-jährigen Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und der Schweiz.

Da fand man Corin Curschellas als Sängerin in einem sechsköpfigen Opern-Ensemble oder das Schwyzerörgeli von Albin Brun neben der Bambusflöte Shakuhachi, die im klassischen japanischen Ensemble neben Zupfinstrumenten wie Koto und Shamisen vertreten war. Kam hinzu, dass das Libretto von Federica de Cesco stammt, die mit einem Japaner verheiratet ist.

Hoch gesteckte Erwartungen

Mit alledem waren die Erwartungen hoch gesteckt. De Cesco selber sprach in einem Statement vor der Uraufführung im Luzerner Saal von einem «sehr ehrgeizigen, bahnbrechenden», aber auch «schwierigen Projekt» – schwierig für sie, weil sie erstmals nicht «Herrin an Bord» war, sondern eine fremde Geschichte in Versform bringen musste. Die Geschichte selber stammt von der Pianistin Heidy Nyman – und sie war als Komponistin und Initiantin die grosse Unbekannte im Projekt.

Nyman erzählt ihre persönliche Geschichte von einer Frau, die ihre Mädchen-Traumwelt später in Japan real wiederfindet. Dafür wählte sie das offene Medium eines Musiktheaters, um die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe zusammenzuführen. Curschellas’ exzellentes Ensemble La Grischa (neben Brun mit Patrizia Draeger, Akkordeon, und Herbert Kramis, Bass) beschwor mit zeitgemässer Folklore die Schweizer Bergwelt, in der das Mädchen Marionna – Leslie Leon als braves Heidi, Curschellas als hausbackene Mutter – eine musikalische Japan-Vision hat.

Diese illustriert das japanische Gastensemble vorerst mit melodiös geglättetem, musikalischem Sushi-Sound, wie eine Besucherin meinte – doch der Gesang gewann hier, angelehnt ebenfalls an einen japanischen Gesangsstil, expressivere Qualitäten. Die Mezzosopranistin Sonoe Kato ragte aus dem vorzüglich besetzten Ensemble heraus als Mädchen, das durch eine von einem Vulkanausbruch zerstörte Landschaft irrt.

Nahe an den Klischees

Allerdings sucht das Stück damit nicht aktuelle Bezüge. Es treibt vielmehr in vager «Esoterik» (de Cesco im Gespräch, Ausgabe vom 8. Juni) dahin, wenn das Mädchen und zum Schluss auch die in Japan angekommene Marionna von einer alten Frau – «ein spirituelles Wesen» – aufgenommen werden. Selbst die Bildprojektionen, die auf herabhängende Stoffbahnen projiziert werden, bleiben mit Tempelschrein, Wolken und Kirschenblütenregen nah an Klischees.

Am stärksten ist diese Produktion da, wo sie den Musikern freie Hand lässt. Corin Curschellas, als La-Grischa-Sängerin abseits der Bühne in ihrem Element, eröffnete den zweiten Teil des Abends mit einer Alpenbeschwörung, deren archaisch-dunkle Klanglichkeit nahtlos ausfaserte in den glasigen Geräuschton der Bambusflöte Shakuhachi von Tadashi Tajima. Und dieser führte ein in ein ausgedehntes Stück traditioneller japanischer Kunstmusik mit Flöte, Zupfinstrumenten und Gesang, das in seiner radikalen Verinnerlichung so faszinierend fremd wirkte wie zeitgenössische Musik.

Wenig Begegnung

Allerdings gab es solche Berührungen zwischen dem Fremden nur punktuell. Das Kammerensemble etwa, das Nyman in ihren Eigenkompositionen dirigierte, griff zwar das Tremolo des Kotospielers auf – aber es kam so wenig zum Einsatz, dass es nicht prägend wurde. So blieb die Begegnung zwischen den beiden Kulturen einseitig – die meiste Zeit sassen die Schweizer und die klassischen Musiker unterbeschäftigt auf ihren Stühlen, während das vorzügliche japanische Ensemble Schwerarbeit leistete. Statt einer interkulturellen Begegnung blieb am Schluss die private Geschichte einer inneren Auswanderung von einer Kultur in die andere. Und das ist für ein von vielen Seiten gefördertes Prestigeprojekt mit diesem Anspruch nicht genug.

Solo für die Bambusflöte

SHakuhachi mat. Klassische japanische Musik wird unter anderem von Lehrern der Shakuhachi-Gesellschaft Schweiz unterrichtet, darunter in der Zentralschweiz von Ursula Schmidiger. Die Gesellschaft organisiert in Luzern ein Konzert, in dem die japanische Bambusflöte sowohl solo gespielt wird als auch – gemeinsam mit japanischen Gastmusikern – in Kammermusik mit den Zupfinstrumenten Koto und Shamisen.

Hinweis
Shakuhachi solo und in Kammermusik: Sonntag, 28. September, 17 Uhr, Marianischer Saal, Luzern; www.chikuyusha.ch