KKL: Ein Abschied mit Wiedersehen

Volle Bühne, halb leerer Saal: Howard Arman gab seinen Abschied als Musik- direktor des Luzerner Theaters mit einem unpassend düsteren Chorwerk im Konzertsaal.

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Howard Arman dirigiert im Konzertsaal des KKL das Luzerner Sinfonieorchester, fünf lokale Chöre und Gesangssolisten des Theaters. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Howard Arman dirigiert im Konzertsaal des KKL das Luzerner Sinfonieorchester, fünf lokale Chöre und Gesangssolisten des Theaters. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Urs Mattenberger

Was für ein Abschied im Zeichen der Vielfalt und Gegensätze! Im Luzerner Theater steht dessen Musikdirektor Howard Arman gegenwärtig am Pult von Rossinis turbulenter Opernkomödie «Il Viaggio a Reims», der letzten Inszenierung von Dominique Mentha. Am Freitag dagegen dirigierte der Engländer, in der letzten Produktion unter Menthas Intendanz, seine eigene Abschiedsvorstellung im Konzertsaal: Michael Tippetts Oratorium «A Child Of Our Time», das sich unter dem Eindruck der Reichskristallnacht und mitten im Zweiten Weltkrieg in «endloser Trauer» ergeht.

Vielseitigkeit als Markenzeichen

Die Wahl des Werks schlägt zwar ­einen thematischen Bogen zurück zur allerersten Luzerner Produktion von Mentha vor 12 Jahren, Viktor Ullmanns KZ-Oper «Der Kaiser von Atlantis» in der Werft. Aber das Publikum wollte sich durch solch entfernte Bezüge die Festlaune offenbar nicht nehmen lassen. Dass selbst das Parkett im bis zum dritten Balkon geöffneten Konzertsaal nicht einmal zur Hälfte besetzt war, zeigte, dass Arman hier den Publikumsinstinkt vermissen liess, den er als Musikdirektor des Theaters immer wieder bewies.

Dafür stand eben vor allem die stilistische Vielfalt seines Wirkens. Arman schrieb – wie zuletzt für Rossinis «Viaggio» – Orchesterpartituren pfiffig für Kleinbesetzungen um oder ergänzte sie. Er begleitete Sänger in Jazzsongs am Flügel und improvisierte in Barock- und Mozart-Opern virtuos an Tasteninstrumenten. Oder er initiierte Koproduktionen mit Laien wie einst unvergesslich im «Noah»-Vorzeigeprojekt mit Jugendlichen in der Jesuitenkirche.

Überraschender Grosschor

Für Vernetzungen stand jetzt auch Tippetts Oratorium, das wenigstens auf der Bühne einen Grossaufmarsch ermöglichte. Neben dem Luzerner Sinfonieorchester und vier Gesangssolisten aus dem Opernensemble gehörten dazu der Theaterchor und vier lokale Formationen: das Collegium Musicum, Studen­ten der Musikhochschule, die Mat­thäus­kantorei und Pro Musica Viva.

Tatsächlich war es der Grosschor (120 Sänger), der die entscheidenden Akzente setzte. Wo Tippett mit raunenden Pianissimi eine verdunkelte Welt beschwört, zerfaserte der Chorklang nicht ins Ungefähre, sondern bewahrte suggestive Klangpräsenz. In den wenigen dramatischen Eclats steigerte er sich zu strahlender Kraft mit durchdringenden Sopranspitzen. In den fugierten und etwas akademisch wirkenden Werkpassagen zeigten sich zwar Grenzen des Chors, aber auch sie wurden nicht vom «Wind» verweht, den Tippett in heiklen Bewegungsfiguren einfängt. Die kraftvollsten Momente verdankte die Aufführung den Spirituals, in denen der Grosschor, das auch mal trompetenglänzende Orchester und die Gesangssolisten aus dem Vollen schöpfen konnten. Da staunte man, über welche Präsenz der Sopran von Jutta Maria Böhnert, der Alt von Eunkyong Lim auch im Konzertsaal verfügen, während Utku Kuzuluk etwas im Schatten von Gast Marc-Olivier Oetterli blieb.

Applaus wie ein Willkommensgruss

Mit alledem war dieses Chorkonzert nicht zuletzt eine Visitenkarte für die weitere Karriere von Howard Arman. Dieser nämlich übernimmt im Herbst die Leitung des renommierten Chors des Bayerischen Rundfunks. Ein endgültiger Abschied dürfte der Abend im KKL deshalb nicht gewesen sein, weil dieser Chor regelmässig am Lucerne Festival zu Gast ist. Der überaus lange Applaus des Publikums wirkte da bereits wie ein Willkommensgruss.