KKL: Ein perfekt eingespieltes Duo

Geigerin Anne-Sophie Mutter und Pianist Lambert Orkis begeistern das Publikum mit Wiener Klassikern und Novitäten. Ein intimer Dialog.

Fritz Schaub
Drucken
Teilen
Fortschreitende Annäherung: Geigerin Anne-Sophie Mutter und Pianist Lambert Orkis im KKL. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli)

Fortschreitende Annäherung: Geigerin Anne-Sophie Mutter und Pianist Lambert Orkis im KKL. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli)

Klar, dass der volle KKL-Konzertsaal in erster Linie der Geigerin Anne-Sophie Mutter galt, die ihre Karriere vor 38 Jahren in Luzern lancierte. Aber es war ein Sonatenabend, und da muss im gleichen Atemzug der Pianist Lambert Orkis genannt werden, der mehr als ein Begleiter war. Eigentlich kommen die beiden von zwei fast gegensätzlichen Seiten her: die Karajan-Elevin von einer luxuriösen Klangperfektion, er von der Alten Musik und der Moderne zugleich.

Bei der letzteren stimmten die beiden schon sehr bald überein, aber auch sonst ergab sich eine fortschreitende Annäherung, und Orkis trat zusehends aus dem Schatten der Geigerin. Natürlich lässt er der Künstlerin, die auch mit 50 Jahren im eng anliegenden blauen Kleid noch immer über Modelmasse verfügt, als Gentleman den Vortritt, aber im Spiel hat er die frühere Zurückhaltung völlig abgelegt. So löste er nicht nur starke Impulse aus, er reagierte auch auf Impulse der Geigerin mit feinem Sensorium, und bei den drei Schmankerl-­Zugaben am Schluss machte er gar locker mit bei den Spässchen.

Massgeschneidert auf Mutter

Zunächst allerdings gehörte das Feld ganz der Geigerin, bei der ersten der beiden Novitäten, die im Dezember 2013 vom Duo uraufgeführt worden waren. Penderecki und André Previn haben beide ihre Werke nicht überraschend massgeschneidert auf ihr Spiel. Die Solosonate «La Follia» des Polen fächert quasi das ganze Arsenal auf, das mit den vier Saiten möglich ist, angefangen von Doppelgriffen über Arpeggien bis zu gebrochenen Akkorden.

Ein ideales Einspiel-und Aufwärmstück, aber konventionell gegenüber früheren Werken des Avantgarde-Komponisten. Da ist die zweite Violinsonate von André Previn, die entgegen der Ankündigung ebenfalls vor der Pause erklang, mit ihren eingängigen Melodien und ihrem Drive doch eher ein Spiegelbild des vielseitigen Dirigenten, Pianisten und Komponisten.

Mozart im Sandwich

Die Sonate e-Moll KV 304 von Mozart geriet durch die unprogrammgemässe Abfolge quasi in das Sandwich der beiden neuen Werke. Dabei war sie das Herzstück – sowohl was Werk wie Werkauffassung anbelangt. Wie oft bei Mozart unspektakulär, kann diese Sonate selbst von fortgeschrittenen Laien gespielt werden. Jedoch wie gleichfalls oft bei Mozart verbirgt sich hinter der scheinbar einfachen Faktur mit der schlichten Unisono-Einleitung viel mehr, wird hinter der Verhaltenheit tiefer Ernst spürbar. Hatte die Mutter vorher mit der nach wie vor grossen Leuchtkraft ihres Spieles und der voluminösen, geschmeidigen Tongebung begeistert, nahm sie sich hier ganz zurück. Mit Herzenswärme pflegte sie einen intimen Dialog mit dem Begleiter am Klavier, der praktisch ohne Pedal auskam und doch einen runden Klang und gebundene Linien erzeugte.

Differenzierte Klangfarben

Dass mit ihren äusseren und inneren Dimensionen die berühmte Kreutzer-Sonate von Beethoven allein nach der Pause erklang, hatte ihre volle Berechtigung. Erst recht stand sie angesichts des heurigen Generalthemas auf dem Programm, weil sie vielleicht der beste Beweis dafür ist, wie Musik auf die Psyche des Menschen wirken kann. Hat doch Leo Tolstoi eine Novelle nach ihr benannt und erfunden, in der eine Frau, von der Geige betört, fremd geht.

Nun, Anne-Sophie Mutter und ihr Begleiter rissen das Auditorium durch das gegenseitig sich anfeuernde Wechselspiel in den Ecksätzen restlos hin, bezauberten es aber vor allem mit den fein differenzierten Klangfarben in den Variationen des Mittelsatzes. Standing Ovation.