KKL: Ein Universum aus Miniaturen

Das Orchestra Filarmonica della Fenice brachte venezianische Erinnerungen in den Konzertsaal. Aber im Mittelpunkt standen Richard Wagners «Wesendonck-Lieder» mit Vesselina Kasarova.

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Opernsängerin Vesselina Kasarova. (Bild: Archiv LZ/PD)

Opernsängerin Vesselina Kasarova. (Bild: Archiv LZ/PD)

Italienische Orchester sind vor allem Opernorchester. Das trifft auch auf das Orchestra Filarmonica della Fenice zu, das im Rahmen der Migros Kulturprozent Classics nach Luzern kam. Es begann sein Gastspiel am Montag im nicht ganz ausverkauften KKL-Konzertsaal auch mit einer Ouvertüre, jener zu Rossinis ­«Semiramide».

Die letzte für Italien geschriebene Opera seria erlebte ihre Uraufführung in ebenjenem Teatro Felice in Venedig 1823, das nach einem verheerenden Brand wie ein Phönix aus der Asche wiedererstanden ist. Jedoch am Schluss spielte das Orchester die Sinfonischen Tänze von Sergej Rachmaninow.

Und der Ausdruck sinfonisch galt eigentlich schon für die Ouvertüre, die bereits Themen des düsteren Geschehens – so im Hornquartett fast zu Beginn – vorwegnimmt. Auf der andern Seite begegnet man doch wieder dem vertrauten Rossini, wenn er unbekümmert auf frühere Melodien und Klänge zurückgreift und sie in gewohnter Manier zum Sprühen bringt.

Wiedersehen mit John Neschling

Dabei liess es das Orchester nach einem leicht verzögerten Beginn an Brio nicht fehlen, obwohl der international bekannte Dirigent John Neschling keineswegs einseitig auf dieses Charaktermerkmal setzte.

Der in Rio de Janeiro als Sohn österreichischer Emigranten geborene Neschling war in jungen Jahren am Stadttheater St. Gallen tätig und hat auch das Luzerner Sinfoniekonzert schon als Gast dirigiert. Der 70-Jährige gibt sich heute gelassener, dirigiert aus einer grossen inneren Ruhe heraus und pflegt einen fast väterlichen Umgang mit dem Orchester.

Von seiner Erfahrung als Operndirigent profitierte auch die Wiedergabe der «Wesendonck-Lieder», denn bei der grossen Besetzung des Orchesters war wohldosierte dynamische Verteilung gefragt, damit die Stimme nicht zugedeckt wurde. Es sind ja keine Lieder im gewohnten Sinne, sondern Miniaturen, hinter denen sich ein riesiges Universum auftut: das Liebesdrama «Tristan und Isolde», an dem Wagner parallel zur Vertonung der von Mathilde Wesendonck gedichteten Verse gearbeitet hat.

Mit der bulgarischen Mezzosopranistin Vesselina Kasarova, die seit 1997 Schweizerin ist, sang eine auch hierzulande gut bekannte Künstlerin. Besonders schön entfaltete sich ihre Stimme im letzten, dem einzigen von Wagner selbst orchestrierten Lied «Träume», das den Gesang Brangänes im zweiten Akt von «Tristan und Isolde» vorwegnimmt.

Stimmfülle leicht entfaltet

Insgesamt setzte die Sängerin, deren grösser gewordene Stimme in der Tiefe durch Fülle, in der Höhe durch Leichtigkeit besticht, Ausdruck vor Wortdeutlichkeit und gesanglichen Fluss. Sie bohrte sich sozusagen in jeden Ton hinein, was sie durch eine etwas verkrampft wirkende Körpersprache noch zusätzlich unterstrich.

Entgegen der Bezeichnung sind die «Sinfonischen Tänze» von Sergei Rachmaninow keineswegs tänzerisch, sondern eigentlich eine Fortsetzung der drei Sinfonien. Neschling war genau der richtige Mann, um die gegensätzlichen Komponenten wieder ins Gleichgewicht zu setzen – hier eine fast Prokofiew vorwegnehmende brachiale Rhythmik, dort eine melancholische Stimmung.

Das Orchester glänzte dabei durch die sinnliche Sattheit seiner Streicher und schöne Einzelvorträge wie jene des Altsaxofons im Mittelteil des ersten Satzes. Einen musikalischen Gruss aus der Lagunenstadt brachten die Venezianer mit der «Barcarolle» aus Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» dem Publikum dar.

 

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch