KKL: Eine Seele für Stalin

Pinchas Steinberg dirigierte das Luzerner Sinfonieorchester in der «Pathétique». Ein Höhepunkt.

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Die Harfenspielerin Jana Boušková debütierte am 18. Januar 2017 beim Luzerner Sinfonieorchester. (Archivbild) (Bild: youtube.com/Screenshot)

Die Harfenspielerin Jana Boušková debütierte am 18. Januar 2017 beim Luzerner Sinfonieorchester. (Archivbild) (Bild: youtube.com/Screenshot)

Das Festival für russische Musik, dessen diesjähriges Programm das Luzerner Sinfonieorchester kürzlich veröffentlichte, strahlt in die ganze Saison aus. Exemplarisch zeigten das die Konzerte vom Mittwoch und Donnerstag, die Tschaikowskys russischer Seelenmusik solche von Stalin-Preisträgern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts gegenüberstellten. Das hätte ins «Zaubersee»-Festival gepasst, aber im Abo-Konzert wirkte der verordnete Heile-Welt-Optimismus der ersten Konzerthälfte anachronistisch.

So bot eine Opern-Ouvertüre von Dmitri Kabalewski schmissigen Nachneujahrskonzerttrubel. Und Reinhold Glières atmosphärisches Harfenkonzert blieb ein Kuriosum schon wegen der Diskrepanz zwischen der Klangkraft von Soloinstrument und Orchester. Daran änderte auch nichts, dass Jana Bouskova ihre Solistenrolle über aufrauschende Arpeggi hinaus individuell gestaltete und ihre Zugabe (Smetanas «Moldau») zu einem Hauptstück der ersten Konzerthälfte machte.

Das blank polierte Blech bei Kabalewski oder die rücksichtsvoll differenzierte Dynamik bei Glière machten klar, dass mit Pinchas Steinberg ein Altmeister das Orchester ebenso kontrollierte wie inspirierte. In Tschaikowskis «Pathétique» führte das zu einer bis in die letzte Faser durchgestalteten Wiedergabe mit einem riesigen Spektrum ohne Effekthascherei: vom verlöschenden Pianissimo bis zur zunehmend gesteigerten orchestralen Wucht.

Magischer Choralton

Kantabel ausgeformte und aufblühende Phrasen der Streichergruppen oder der magische Choralton des Blechs bildeten den äussersten Gegensatz zum falschen Finalgehabe des vorletzten Satzes. Und dieses hörte man hier wie eine Parodie auf die von Stalin verordneten Jubelgesten, auch wenn Steinberg selbst diesen Bezug nicht forcierte. Der Nachdruck, mit dem das Orchester im weltabgewandten Finale dieser vorweggenommenen Stalin-Reminiszenz ohne dickes Pathos russische Seelentrauer nachschickte, gab diesem Kontrastprogramm doch noch Sinn. (mat)

Pinchas Steinberg. (Archivbild) (Bild: PD)

Pinchas Steinberg. (Archivbild) (Bild: PD)