KKL: Feurige Tänze auf alter Folie

Ein faszinierender Mix aus der «Alten» und «Neuen Welt»: Der Gambenvirtuose Jordi Savall hat am Sonntag im KKL die neue Saison des Lucerne Chamber Circle eröffnet.

Simon Bordier
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Jordi Savall (vorne) spielte seine Gambe virtuos, begleitet von 
einer Gitarristengruppe und Harfenist Andrew Lawrence-King. (Bild: Nadia Schärli)

Jordi Savall (vorne) spielte seine Gambe virtuos, begleitet von einer Gitarristengruppe und Harfenist Andrew Lawrence-King. (Bild: Nadia Schärli)

SIMON BORDIER

Man zeige dem Schüler eine Gambe und frage, was dies sei. Eine Fangfrage, die so manchem Musiklehrer den Unterrichtsalltag versüsst. Denn das Streichinstrument sieht irgendwie aus wie eine Violine oder in der grösseren Version – wie ein Cello. Dabei handelt es sich um eine eigene Instrumentengattung.

Bei der Saisoneröffnung der Konzertreihe Lucerne Chamber Circle am Sonntagvormittag im KKL bestand hingegen keine Verwechslungsgefahr. Dort spielte nämlich der spanische Gambenvirtuose Jordi Savall (73) und hielt sein Instrument unverrückbar zwischen den Knien fest. Diese Klammerposition liesse sich keine Geige gefallen.

Die Gambe hingegen blüht auf diese Weise auf, vor allem mit einem Meister wie Savall: Der spanischen Musiktradition folgend, welche die Grenzen zwischen der «Alten» und «Neuen Welt» nie so genau nahm, entlockt er seinem Instrument allerhand Klänge aus der Vergangenheit (der Renaissance und dem Barock) und aus Lateinamerika. Dazu holt er sich Verstärkung von der mexikanischen Volksmusikformation Tembembe Ensamble Continuo und seinem eigenen Basler Ensemble Hesperion XXI.

Ohren spitzen!

Doch Verstärkung ist relativ: Der Konzertsaal des KKL ist nicht eben für barocke Kammermusik geschaffen. Deshalb hiess es für das Publikum: Ohren spitzen! Das klangliche Terrain bereiteten drei Gitarristen und der britische Starharfenist Andrew Lawrence-King vor. Ihrem Zupfen lag eine «folia», ein harmonisches Modell aus dem 16. Jahrhundert zu Grunde, über dem sie so virtuos improvisierten, dass sich ihre Stimmen zu verselbständigen schienen. Der Funke sprang aufs Publikum über. Und wie von fern kündigte sich mit Schellenläuten schon die nächste «folia»-Improvisation an: ein genüssliches Zusammenspiel zwischen Savall an der Diskantgambe und dem äusserst differenziert trommelnden und läutenden Pedro Estevan.

Atemberaubend schnell

In den Variationen des spanischen Renaissance-Komponisten Diego Ortiz auch er schrieb über die «folia» – war Savall in Hochform zu erleben. Seine Verzierungskunst entzückte vor allem in den höheren Lagen; in der Tiefe vermochte sich Savalls Bassgambe aber gegen die Begleitung kaum durchzusetzen.

Überzeugender war deshalb sein Solo ohne Begleitung mit «keltischen Traditionen in der Neuen Welt»: Atemberaubend schnell sprang der Bogen zwischen der Basslinie und den Volksmusikmelodien hin und her, bis sich die vibrierenden Stimmen wie in einem klanglichen Erdbeben überschlugen. Schlotternde Knie? Nicht bei Savall!

Ähnlich dramatisch gings im feurigen Fandango, den Ulises Martínez an der Gitarre und der Harfenist Lawrence-King lieferten, begleitetet von bissigen Kastagnetten. Für Abwechslung sorgte Martínez auch mit seinem Kollegen Enrique Barona: Die beiden mexikanischen Volksmusiker entzückten nicht nur an der Gitarre, sondern auch gesanglich mit typisch mexikanischen «sons».

Wie ein Barkeeper

Die Liebe zur «folia» hörte hingegen mit Antonio Martín y Colls «Diferencias sobre las Folias» auf: Die barocken Variationen wirkten zu etüdenhaft, um das Publikum gegen Schluss bei Laune zu halten. Das gelang Barona bedeutend besser: Der Gitarrist und Sänger legte sein Instrument beiseite, nahm zwei Maracas in die Hände und schüttelte die Rasseln wie ein Barkeeper seine Spirituosen eine perfekt gewürzte musikalische Einlage, die Appetit auf die neue Saison von Lucerne Chamber Circle macht.