KKL: Greis erhebt sich aus 120 Chorstimmen

Der Rapper Greis und der Händel-Chor haben sich am Samstag in ein Kriegs­drama gestürzt. Stilgrenzen wurden gekonnt überwunden.

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Am Samstag im KKL: Rapper Greis in einer besonderen musikalischen Umgebung. (Bild Dominik Wunderli / Neue LZ) Fotografiert am 16.12.2015 Kultur (Bild: Dominik Wunderlit)

Am Samstag im KKL: Rapper Greis in einer besonderen musikalischen Umgebung. (Bild Dominik Wunderli / Neue LZ) Fotografiert am 16.12.2015 Kultur (Bild: Dominik Wunderlit)

Simon Bordier

Auf die heilige Cäcilia, die Schutzpatronin der Musik, schwören auch Rapper. Bereits vor drei Jahren fand in ihrem Namen ein Treffen des Berner Rappers Greis alias Grégoire Vuilleumier und des Händel-Chors Luzern statt. Gemeinsam besangen sie in dem modernen Oratorium «The Power Of Musick» des Schweizer Komponisten Stephan Hodel die Kraft und Schönheit der Musik. Die Uraufführung erhielt viel Beifall, hatte aber einen Schönheitsfehler: Chor und Orchester wirkten teils wie eine pompöse Klangkulisse statt wie gleichberechtigte Partner des Rappers. Würden die Rollen beim zweiten Treffen, das am Samstag im KKL über die Bühne ging, nun besser verteilt?

Songs mit einer Handlung

Die Chance dazu bot das neue Stück «No Pasarán!» von Greis und Stephan Hodel, das im KKL seine Uraufführung erlebte. Anders als in «The Power Of Musick», wo Händels «Cäcilienode» als musikalische Vorlage diente, bildeten diesmal Songs von Greis den Ausgangspunkt der Gemeinschaftsproduktion. Es handelt sich um die 2007 erschienene, vierteilige Songreihe «Ferdinand».

Die Songs haben im Unterschied zur Händel-Vorlage einen Plot. Er spielt im Jahr 1937. Ferdinand, ein Schweizer Bauernjunge, will nach Spanien ziehen, um mit den Internationalen Brigaden gegen die Franco-Putschisten zu kämpfen. Sein Bruder ist in dem Bürgerkrieg bereits erschossen worden. Nun will er den Kampf fortsetzen. Seite an Seite ruft er mit den spanischen Brigaden «No Pasarán!», «Sie werden nicht durchkommen!». Im Verlauf des Kriegs verliebt sich Ferdinand in eine junge Frau, zieht in die Stadt Guernica und gerät dort unter den Bombenhagel der deutschen Luftwaffe. Er muss seinen Kampf schliesslich aufgeben und in die Schweiz zurückkehren, wo er nunmehr als Landesverräter gilt.

Schwyzerörgeli und Schiessbefehle

Am Samstag wurde daraus ein farbiges Musikdrama. Zunächst kamen verstreute Geräusche und Klänge von der Bühne, ein Basston breitete sich aus, von Fern erklangen Melodiebruchstücke eines Schwyzerörgelis. Sie wurden vom Orchester Camerata Luzern aufgegriffen und zu einem neuen Klang verwoben.

Aus der Klangmasse erhob sich immer wieder die Stimme des Rappers Greis, der in dem Stück die Rolle des Sprechers übernahm. Die Sopranistin Amelia Scicolone intonierte in Begleitung des Akkordeons sehnsuchtsvolle Liebestöne, während der Tenor Erlend Tvinnereim im schneidigen Ton Schiessbefehle gab.

Die über 120 Sängerinnen und Sänger des Händel-Chors Luzern und des Chors Pro Musica Vocale Aargau sorgten für eindrückliche Massenszenen. Dass der Faschismus «das Volk in zwei teilt», wurde ebenso plastisch dargestellt wie die Solidarität mit den Freiheitskämpfern, ausgedrückt im weit aufgefächerten Klang. Ein dramatischer Höhepunkt waren die Tumulte nach der Exekutionsszene, aus denen sich die Stimme des Rappers mit «No Pasarán!» herauswand.

Das Stück überzeugte als Gesamtkunstwerk mit unterschiedlichsten Stilelementen: Einmal glaubte man sich in die Klangwelt der «Queen»-Rockballade «Bohemian Rhapsody» versetzt, dann plötzlich in das Melodram «Ein Überlebender aus Warschau» von Schönberg. Die Stilelemente prallten nicht aufeinander, sondern erhielten im theatralischen Setting Platz. So entstanden unter der Leitung von Dirigent Pirmin Lang immer wieder neue, spannende Rollenkombinationen von Rapper, Orchester, Solisten und Chören. Einzig der Handlungsfaden drohte darin unterzugehen.

Starke Akzente für den Frieden

Seinen Ruf als polyglotter Rapper bewies Greis einmal mehr in «The Power Of Musick», das drei Jahre nach der Uraufführung erneut dargeboten wurde. Über die Reime in Deutsch, Französisch und Englisch dürften sich nicht zuletzt die vielen jungen Zuhörer im vollen Konzertsaal gefreut haben. Auch der Händel-Chor und Pro Musica Vocale durften ihre Kunst eindrücklich zeigen. Die Sänger setzten in Händels «Te Deum» starke Akzente im Zeichen des Friedens. Dabei fiel nicht nur das grosse Klangvolumen auf, sondern auch die gute Balance unter den Stimmen.

Hinweis

«No Pasarán!» wird am 24.1., 17 Uhr, im Kurtheater Baden nochmals aufgeführt: www.haendel-chor.ch