KKL: Irish Folk barock ausgekostet

Auch eine Art Adventskonzert: Jordi Savall eröffnete gestern mit keltischer Musik und einem Appell die Saison des Lucerne Chamber Circle. Dabei setzte er sich über traditionelle Grenzen hinweg.

Urs Mattenberger
Drucken
Teilen
Kunst- trifft Volksmusik: Jordi Savall (Gambe), Andrew Lawrence-King (Harfe) und Frank McGuire (Perkussion) gestern im KKL. (Bild: Manuela Jans (11. Dezember 2016))

Kunst- trifft Volksmusik: Jordi Savall (Gambe), Andrew Lawrence-King (Harfe) und Frank McGuire (Perkussion) gestern im KKL. (Bild: Manuela Jans (11. Dezember 2016))

Kaum eine Jahreszeit ist derart mit populären musikalischen Werken verbunden wie die Adventszeit mit Bachs «Weihnachtsoratorium» und Händels «Messias» als traditionellen Höhepunkten. Umso erstaunlicher mag anmuten, dass zwischen dem Piano- und dem Oster-Festival kein Luzerner Festival dafür eine Plattform bietet.

Zum Glück springt da seit ein paar Jahren der Lucerne Chamber Circle in die Bresche. Der späte, aber konzentrierte Saisonstart der Konzertreihe im KKL begleitet quasi durch den Advent hindurch bis zum Neujahrsjubel: dieses Jahr mit einer top besetzten Aufführung von Bachs «Weihnachtsoratorium» als Höhepunkt (mit dem Freiburger Barockorchester und dem Rias-Kammerchor), einem trompetenglänzenden Jahresausklang (mit ­Gabor Boldoczki und Sergei Nakariakov) und einem nicht Wiener, aber doch Salzburger Neujahrskonzert.

Auftakt ohne Pauken und Trompeten

Der traditionellen Dramaturgie von der stillen Adventserwartung hin zum Weihnachtsjubel entsprach exakt die Eröffnungsmatinee von gestern Sonntag. Da spielte Jordi Savall, der katalanische Gambenspieler und Alte-Musik-Pionier mit Kultstatus, keltische Musik ganz ohne Pauken und Trompeten, begleitet allein von Andrew Lawrence-King auf der irischen Harfe und Frank McGuire auf der irischen Rahmentrommel Bodhran.

Den Bezug zum Advent stellte schon das Programmheft her – mit dem Hinweis, wie sehr sich ein politisch und humanitär engagierter Musiker wie Savall als Botschafter für die Adventszeit des Lichts und der Hoffnung eigne. Und Savall löste solche Erwartungen am Schluss mit einer so eindringlich wie ruhig vorgetragenen Ansage der ersten Zugabe ein. Die irische Musik, die da aus einem Manuskript aus den USA um 1840 erklang, erinnerte daran, dass einst die von der Not diktierten Migrationsströme aus Europa hinausführten. Savall widmete den Ausklang all den Menschen, die heute in umgekehrter Richtung ihr Glück und ihre Rettung in Europa suchen.

Das gab den archaischen Klängen von Gambe, Harfe und Perkussion tatsächlich eine fast sakrale Aura. Aber die Beschränkung auf solch sparsame Klangmittel war im KKL auch problematisch: Die Harfe und das Psalterium waren zwischen dem tragenden Ton des Streichinstruments und den farbigen Perkussionslauten der Bodhran akustisch zu wenig präsent. Und auch die forschen Akzente, die Savall mitunter wie mit einem Säbel aus den Saiten seiner Bassgambe herausstiess, wirkten in der Weite der Konzertsaal-Akustik vornehm kultiviert.

Barock-Klagen treffen auf Beatboxing

Auch so überraschte aber die Liveaufführung dieses auf CD erschienenen «Celtic Viol»-Programms dadurch, wie sehr sich jenseits heutiger Kategorien von U- und E-Musik handfeste Volks- mit barocker Kunstmusik verband. In den zu Suiten zusammengefassten Stücken standen süffige Fiedelmelodien, wie man sie an einem Irish-Folk-Festival erwartet, neben Barock-Lamentationen, in denen Savall seine Diskant- und Bassgambe in langen Linien ergreifend singen liess. Klagen wie Niel Gows in Doppelgriffen ausgekostetes Lamento «for the Death of his second wife» wechselten ab mit wirblig entfachten Tänzen. Und die Kontraste bannten die Gefahr der Eintönigkeit, die in der Konzentration auf ähnliche und repetitive Grundmuster schlummerte.

Der Mann, der diesen Auftritt am direktesten aus der kultivierten Distanziertheit «herausriss», wie eine Konzertbesucherin meinte, war aber der Perkussionist Frank McGuire. Die bauchigen Bass- und die hellen Knacklaute, die er seinem Instrument in allen Farben entlockte, hatten nicht nur Biss. McGuire brachte auch einen starken improvisatorischen Zug in dieses Musizieren, wenn er die Rhythmen zu einer Art Beatboxing steigerte. Die derart angefeuerten Tänze und ­Savalls säbelrasselnde Virtuosität entlockten dem Publikum schliesslich Bravorufe wie an einem Folk-Festival.

Urs Mattenberger
urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch