KKL: Karfreitagsmusik krönt Orchesterzauber

Das Luzerner Sinfonie­orchester stand mit seinem Konzert im Zeichen orchestraler Magie. Und bewies abseits seines Repertoires, was es in der ­heutigen Verfassung kann.

Drucken
Teilen
Magische Klangmacht mit Wagner: das Luzerner Sinfonieorchester unter James Gaffigan. (Bild Pius Amrein)

Magische Klangmacht mit Wagner: das Luzerner Sinfonieorchester unter James Gaffigan. (Bild Pius Amrein)

Fritz Schaub

Ein Konzert ohne Schwerpunkt und ohne einen Solisten: Gab es deshalb am Donnerstag im KKL-Konzertsaal Lücken im Parterre?

«Kein Solist» muss indes relativiert werden. Es gab, verteilt auf die vier Werke, verschiedene Soloinstrumente aus dem Luzerner Sinfonieorchester, und es gab ein international bekanntes Streichquartett, das solistisch auftrat im neuen Werk «Spuren» des Westschweizers Michael Jarrell (geboren 1958), das das Orchester und das renommierte Arditti Quartet am Vortag bereits in Vaduz gespielt hatte.

Streichquartett als Ideengeber

Bei dieser Verbindung denkt man zunächst an ein Concerto grosso, bei dem sich Orchester und Instrumente einzeln oder gruppenweise ablösen und miteinander wetteifern. Nicht so beim neuen Werk von Michael Jarrell, der vor bald 20 Jahren in der Ära Matthias Bamert Composer in residence am Lucerne Festival war unter anderem mit dem eindrücklichen Monodrama «Kassandra» nach dem Roman von Christa Wolf.

Beim neuen Werk wirkt das Soloquartett vielmehr als Ideengeber und das stark besetzte Orchester (ohne Geigen) als Raumöffner. Damit setzte es eine Linie fort, die in den letzten Jahren wiederholt beim LSO anzutreffen war in Werken von Wolfgang Rihm und Pascal Dusapin, die ebenfalls das renommierte Arditti Quartet einbezogen. Obwohl nicht als solche bezeichnet, teilt sich das Werk in fünf Sätze auf. Vor allem die ersten drei Sätze gefallen durch eine differenzierte Behandlung der beiden Klangkörper, einen klaren Aufbau und durch Klangfantasie, während der Rest eher nach routiniertem Handwerk klingt. Ob das Werk nicht besser in den zerbrechlichen Klängen des Streichquartetts im vierten Satz enden würde?

Magie verbunden mit Bewegung

Schon zu Beginn, bei den beiden Stücken aus «Trois Gymnopédies» von Erik Satie, fiel die ungewöhnliche Orchesteraufstellung mit den Kontrabässen links aussen und den Celli und Bratschen in der Mitte auf. Das nämlich kam den spezifischen Gegebenheiten der vor allem vom Klang lebenden Werke an diesem Abend zweifellos sehr entgegen.

Die von Debussy orchestrierten «Gymnopédies» klangen schon beinahe wie ein originaler Debussy, und die solistisch hervortretenden Oboe und Flöte wiesen mit ihrem klangschönen Spiel bereits auf Debussys «Prélude a l’apres-midi d’un faune». Wobei sich das Poeme nicht in blosser Schönheit erschöpfte, sondern von dem ohne Stab den Klang modulierenden Chefdirigenten auch in seiner inneren Bewegung und den Emotionen unter der Oberfläche animiert wurde.

Miniatur-Parsifal

Auch bei Richard Wagners Miniatur-«Parsifal», einer vom Chefdirigenten eigens arrangierten Orchestersuite, setzte Gaffigan nicht primär auf meditative Abgeklärtheit, sondern auf steigerungsmächtige Bewegtheit. Das galt selbst im Vorspiel («sehr langsam»), dem er «Klingsors Zaubergarten» und die «Blumenmädchenszene» aus dem zweiten und mit einer kleinen Pause den «Karfreitagszauber» aus dem dritten Akt anschloss. Wie gut Wagner in diesem Saal klingt, weiss man, aber mit Genugtuung erkannte man, wie sehr das Luzerner Sinfonieorchester in seiner heutigen Verfassung in der Lage ist, diese Musik, die es nie im Orchestergraben wird spielen können, in all ihrer Klangmächtigkeit und magischen Anziehungskraft zum Klingen zu bringen.

Hinweis

Die Konzertaufzeichnung wird am Donnerstag, 30. April, von 20 bis 22 Uhr auf SRF 2 in «Pavillon Suisse» übertragen.