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KKL LUZERN: Das Orchester als vierter Solist

Keine Entdeckung, aber viele individuelle Qualitäten: Solistinnen der Musikhoch­schule überzeugten mit dem Luzerner Sinfonieorchester in ganz gegensätzlichen Werken.
Grosses Solo: Natasha Roqué Alsina spielt mit dem Luzerner Sinfonieorchester das zweite Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow. (Bild: Eveline Beerkircher)

Grosses Solo: Natasha Roqué Alsina spielt mit dem Luzerner Sinfonieorchester das zweite Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow. (Bild: Eveline Beerkircher)

Urs Mattenberger

Ein guter Performer müsse auch eine Art «Rampensau» sein. Das sagte ein Volksmusiker im Buch über die Neue Schweizer Volksmusik, das die Musikhochschule Luzern unlängst herausgegeben hat. Gilt dieses Kriterium für alle Sparten an einer Hochschule, die alle Stile zwischen Klassik, Volksmusik und Jazz unterrichtet?

Höhepunkt der Klassikausbildung

Die Probe aufs Exempel konnte man am Dienstag im Solistenkonzert des Luzerner Sinfonieorchesters machen. Da bekamen drei ausgewählte Absolventen des Studiengangs Master of Solo Performance (alles Frauen) die Gelegenheit für einen grossen Auftritt im KKL-Konzertsaal. Dass Chefdirigent James Gaffigan das Konzert dirigierte, unterstrich die Bedeutung, die dem Solistenkonzert als Höhepunkt der künstlerischen Ausbildung im Bereich Klassik zukommt.

Eine Rampensau, die mit ihrer kommunikativen Präsenz das Publikum quasi anspringt, entdeckte man dabei nicht. Das lag freilich auch an der Auswahl der Werke, die diese Qualität gar nicht zu verlangen schienen. Ralph Vaughan Williams’ «The Lark Ascending» für Geige und Orchester verströmt sich in betörenden Lyrismen. «Chain 2» von Witold Lutoslawski ist ein Stück Neuer Musik, die sich der traditionellen Virtuo­senshow ohnehin verweigert.

Am klarsten schien der Fall bei der Pianistin Natasha Roqué Alsina. Sie spielte mit Rachmaninows zweitem Klavierkonzert ein Werk, mit dem sie das Publikum gleich doppelt in ihren Bann ziehen konnte: mit Balsam für die Seele ebenso wie mit ihrer höchste Ansprüche stellenden pianistischen Virtuosität.

Unplakativer Rachmaninow

Auffällig war, wie sehr die Pianistin dabei auf jeden plakativen Effekt verzichtete und dadurch andere Qualitäten in den Vordergrund rücken konnte. Statt orchestraler Kraft und Fülle hörte man ein Klavierspiel, das bis hin zu pointiert artikulierten Seufzern und kontrapunktischen Überlagerungen die Komplexität von Rachmaninows Klaviersatz aufregend hörbar machte.

Zwar vermisste man an den dramatischen Umschlagstellen den drängenden Zug nach vorne. Aber die quasi kammermusikalische Auffassung des Werks überzeugte nicht zuletzt, weil sie wunderbar mitgestaltet wurde vom Luzerner Sinfonieorchester. Dieses brachte nicht nur Klangfülle mit ein, sondern mit herausragenden solistischen Leistungen (der samtene Goldton von Lukas Chris­tinats Horn) auch eine Farbigkeit, die man im transparent-klaren Klavierpart etwas vermisste.

Damit bestätigte sich ein Eindruck vom ersten Konzertteil. Das Luzerner Sinfonieorchester, das mit Stars, also ausgewachsenen Künstlerpersönlichkeiten, auch mal eher die Begleitrolle einnimmt, übernahm hier gleichsam die Rolle eines vierten Solisten.

In Vaughan Williams’ Romanze stimmten seine hauchzarten Klangimpressionen auf eine Wiedergabe ein, in der die Solistin ganz auf die berückende Schönheit ihres Tons bis in höchste Lagen vertraute. Und Eva Camilla Eikaas Stalheim betonte die Leichtigkeit dieses Vogelflugs, indem sie den Ton in praktisch körperlose Sphären entrückte und nur ansatzweise zu stärkerer physischer Präsenz steigerte. Die grosse Leistung lag gerade darin, dass dennoch der Spannungsbogen nie brach.

Zwischenstation auf langem Weg

Mit seinen vielseitigeren Ansprüchen entsprach Lutoslawskis Werk stärker den Erwartungen an ein Master-Abschlusskonzert. Und die Geigerin Corinna Canzian löste solche Erwartungen auch interpretatorisch ein. Da war der Sphärenglanz in höchsten Lagen selbstverständliche Zugabe, und es war im engen Zusammenspiel mit dem Orchester alles da: moderne Klangrede in knappen Gesten, pulsierende Energie in frei schweifenden Klanglinien, swingender Drive und bohrende Akzente, die sich gegen die gemeisselten Akkorde des Klaviers behaupteten.

Dass bei allen Solistinnen eine gewisse Zurückhaltung spürbar blieb, mochte mit der Prüfungssituation zusammenhängen. Dass das Konzert zwei Tage nach dem Auftritt von Jugendlichen in den «Carmina Burana» im KKL stattfand, war dabei ein sinnreicher Zufall. Er machte bewusst, wie weit der Weg von Musikschulen nach oben führt. Um zu entscheiden, in wem auch eine Rampensau steckt, ist es deshalb wohl an einem Solistenkonzert zu früh. Den Publikumspreis jedenfalls hatten die Musikerinnen auf sicher: Das zahlreiche Publikum feierte sie mit herzlichem Applaus.

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