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KKL LUZERN: Karfreitagsmusik im Konzertsaal

Der Dirigent Thomas Hengelbrock, der von ihm gegründete Balthasar-Neumann-Chor sowie das gleichnamige Ensemble gastierten am Osterfestival. Interpretiert wurde Bachs Johannes-Passion – in ihrer zweiten Fassung von 1725.
Der Dirigent Thomas Hengelbrock mit den Solisten Daniel Behle (unten) und Markus Butter im KKL. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Der Dirigent Thomas Hengelbrock mit den Solisten Daniel Behle (unten) und Markus Butter im KKL. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Die Passionsgeschichte als liturgische Gebrauchsmusik: Dass das kein Widerspruch ist, be­weisen die verschiedenen Fassungen, die Bach von seiner Johannes-Passion erstellt hat. Bereits der Eröffnungschoral «O Mensch, bewein dein Sünde gross» weicht von der ersten Fassung ab und weist gleichzeitig auf die prachtvolle, aufwendige Musik hin, die da folgt. Der Sopran intoniert einen Cantus Firmus, die Hauptmelodie, die übrigen Stimmen entfalten darunter ein polyfones Gewebe.

Der Sopran des Balthasar-Neumann-Chors erwies sich als präsentes Register: Schwebender Klang und Volumen schlossen sich in keinem Moment aus. Überdies machte bereits dieser Choral deutlich, dass die Interpreten des Abends wunderbar aufeinander eingespielt sind; Hengelbrock hatte die Freiheit, weniger als Dirigent agieren zu müssen als vielmehr als Live­regisseur, der gleichermassen beobachtet und eingreift.

Das Balthasar-Neumann-Ensemble hat sich ganz der historischen Aufführungspraxis verschrieben. Die Johannes-Passion wurde dementsprechend auf dem historischen Instrumentarium gespielt: Cembalo, Orgel und Laute bildeten die Generalbassgruppe, wobei insbesondere der Lautenist Joachim Held mit seinem einfallsreichen Spiel in bester Erinnerung bleibt. Streich- und Holzregister überzeugten mit homogenem, affektiert-­geschärftem Klang.

Virtuosität in der Polyfonie

Der Chor übernimmt in der Johannes-Passion eine spannende Doppelfunktion: Widerspiegeln die Choräle jeweils Gemütszustände oder Reflexionen der Gläubigen, repräsentieren die Chöre das aufgebrachte Volk. Die zu Beginn für einen Augenblick befürchteten Balanceprobleme aufgrund der wesentlich stärkeren Besetzung im Orchester als im Chor glätteten sich im Verlauf des Abends zunehmend. Während das Orchester stets ­beweglich und transparent ­reagierte, wäre etwas mehr Beweglichkeit auch beim Chor wünschenswert gewesen. Die Chöre gelangen durchwegs; von Hengelbrock in recht straffen Tempi dirigiert, entfalteten die Stimmen eine Virtuosität in der Polyfonie. Die homofonen Sätze der Choräle jedoch erfordern ein Maximum gemeinsamen Atmens bei gleichzeitigem Bewusstsein für die sprachliche Faktur. Durch etwas weniger Statik in der Phrasierung hätten sie eine ähnlich lebendige Wirkung entfalten können wie die Chöre.

Spannend wie ein Krimi

Dass die Johannes-Passion auch gewissermassen politische Komponenten mitvertont, erweist sich im Dialog zwischen Jesus und Pilatus: Manfred Bittner, als Pilatus auf dem ersten Balkon platziert, droht Jesus: «Weissest du nicht, dass ich die Macht habe, dich zu kreuzigen?» Markus Butter, der die Christusworte zitierte, bemerkte in bestechender Schlichtheit, dass Pilatus keine Macht über ihn hätte, wäre sie ihm nicht «von oben herab gegeben». Die Interaktion zwischen den beiden Solisten war spannend wie ein Krimi.

Von den 40 musikalischen Nummern, in die sich die Johannes-Passion gliedert, bilden die Nummern 30 und 31 die Antiklimax. Die ausladende und gleichzeitig intime Alt-Arie «Es ist vollbracht» zitiert die letzten Worte Jesu am Kreuz. Das warme Timbre und die präzise Tongebung der Alt-Solistin Anne Bierwirth im Zusammenspiel mit Frauke Hess an der Gambe berührten auf ganz unmittelbare Weise.

Dass Bach die Gambe anstelle des Cellos als Soloinstrument wählt, zeugt von seinem differenzierten Umgang mit Instrumentation, klingt die Gambe doch schlanker, karger und irgendwie schwächer. Der Tenor Daniel Behle als Evangelist, sonst stehend am Bühnenrand, blieb in der Folge sitzen; zusammengesunken und ermattet sagte er: «Und er neigte das Haupt und verschied.»

Mut zum Hässlichen

Behle überzeugte durch agile Tongebung, die seine Texte bisweilen fast in einen Parlando-Ton übergehen liess. Auch ein spürbarer Hang zum Theatralischen ­bekam seiner Rolle vorzüglich. ­Behle scheute darüber hinaus nicht vor fast lautmalerischen Klängen, ja, Hässlichkeit zurück. Besonders ohrenfällig beispielsweise seine Intonation des «Hahns», der krähte, nachdem Petrus Jesus verleugnet hatte.

Diese Aufgebrachtheit übertrug sich direkt auf die folgende Tenor-Arie, die übrigens nur in der zweiten Fassung der Passion zu finden ist: In «Zerschmettert mich» reflektiert der Gläubige die Verleumdung, geht dramatisch und äusserst wirkungsvoll mit sich selbst ins Gericht.

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

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