Wie geht es weiter mit dem KKL? Der CEO, eine Infektiologin und Veranstalter geben Antworten

Falls der Bundesrat am Mittwoch Grossveranstaltungen bis September verbietet, werden Corona-Sicherheitskonzepte für Konzerte immer wichtiger. Wie ein solches für das KKL aussehen könnte, sagen die Infektiologin Ursula Maria Flückiger, CEO Philipp Keller und Veranstalter.

Urs Mattenberger
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Der Bundesrat könnte am Mittwoch ein Verbot von Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen bis Ende September bekanntgeben, wie der «Tagesanzeiger» unter Berufung auf bundesratsnahe Quellen vermeldet. Davon wäre neben Open Airs und Sportveranstaltungen auch das Lucerne Festival betroffen (siehe weiter unten). Umso wichtiger werden Exitstrategien, die zeigen, wie unter Einhaltung der Hygiene- und Distanzmassnahmen überhaupt noch Konzerte durchgeführt werden können, zum Beispiel im Konzertsaal des KKL mit seinen 1898 Sitzplätzen.

Wir fragten die Infektiologin Ursula Maria Flückiger von der Hirslanden Klinik Aarau, die das KKL als Besucherin kennt. Philipp Keller sagt als CEO des KKL, welche Voraussetzungen das Haus bietet, um Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Und Veranstalter sagen in ersten Reaktionen, wie realistisch diese Massnahmen in ökonomischer Hinsicht sind.

Problemzone eins: Das Publikum im Saal

Das Kriterium des Bundesrats für Veranstaltungsverbote war bisher die Besucherzahl. Ob das Publikum tanzt oder auf Stühlen sitzt, spielt keine Rolle. Für Ursula Maria Flückiger ist deshalb klar, dass man soziale Distanz auch im Konzertsaal gewährleisten müsste. «Man kann nicht erwarten, dass niemand seinem Nachbarn etwas zuflüstert oder jeder einen Huster unterdrücken kann», meint sie. Und: «Dafür haben wir die Sicherheitsmassnahmen zu wenig verinnerlicht.»

Könnte für längere Zeit zur Realität im Konzertsaal des KKL werden: Corona-bedingtes Social Distancing im bislang letzten Konzert am 12. März.

Könnte für längere Zeit zur Realität im Konzertsaal des KKL werden: Corona-bedingtes Social Distancing im bislang letzten Konzert am 12. März.

Bild: Manuela Jans-Koch

Sie selber gerate beim Einkauf in Versuchung, für einen Schwatz stehen zu bleiben:

«Im Spital bleibt mir die Dringlichkeit der Massnahmen bewusst, weil ich da mit den Krankheits- und Todesfällen konfrontiert bin.»

«Wer für Menschen im gleichen Haushalt Tickets bucht, wählt zusammenliegende Sitze», schlägt sie vor: «Das Ticketsystem würde je zwei Nachbarsitze und die Sitze davor sperren. Mit Masken kann man da ein Ansteckungsrisiko minimieren.» Für die Anzahl Sperrsitze gibt es Spielraum, weil der geforderte Abstand von einem Meter (WHO) über anderthalb (Deutschland) bis zu zwei Metern (Schweiz) reicht. So oder so würde die Besucherzahl auf knapp die Hälfte begrenzt.

Für Philipp Keller wäre die Orientierung an der WHO-Vorgabe von einem Meter elementar, um einen Betrieb wieder aufnehmen zu können. Auch so könnten sich im Konzertsaal 800 Besucher weiträumig verteilen. Gravierend bleibt die ökonomische Einbusse: Selbst Veranstalter mit lokalen Nutzungsrechten brauchen 1200 Besucher, um den «Break Even» zu erreichen, schätzt er.

Problemzone zwei: Das Gedränge in den Foyers

Auch in einem bestuhlten Konzertsaal zirkulieren die Besucher frei beim Betreten und Verlassen des Saals und während der Pause. Körperliche Nähe und soziale Kontakte bieten da ein grösseres Ansteckungsrisiko. Beim Sprechen kann man das Virus bis auf anderthalb bis zwei Meter übertragen – bei Hustern oder starkem Niesen deutlich weiter. Trotzdem ist ein Hygieneschutz möglich.

«Man kann sich – nach dem aktuellen Wissensstand – nicht anstecken, wenn man aneinander vorbeigeht und schnell Hallo sagt», erklärt Flückiger: «Das ist nur bei einem Kontakt von 10 bis 15 Minuten möglich. Und auch der Bundesrat geht jetzt davon aus, dass man mit Masken das Risiko zusätzlich senken kann.»

Beim Ein- und Ausgang muss also jeder Stau vermieden werden. «Auf Flughäfen nehmen wir wegen der Sicherheitsmassnahmen längst aufwendige Prozeduren in Kauf. Darauf müssen wir uns wohl auch bei Konzerten einstellen, bis vielleicht in einem Jahr eine Impfung verfügbar ist», sagt Flückiger. Staus vermeiden könnten Ein- und Ausgangskorridore, die Balkonen oder Parkett zugeordnet sind  – mit Sicherheitspersonal, das auch bei WC-Anlagen und Garderoben Warteschlangen mit Abstand sicherstellt.

Aber selbst wenn Foyer-Bars als Infektion-Hotspots geschlossen und das Cüpli nur auf Vorbestellung an Tischchen im Zweimeterabstand serviert würde: «Die Sicherheitsstandards lassen sich leichter erfüllen, wenn man auf Pausen verzichtet», sagt Flückiger: «Begegnungen könnten Gastroangebote vor und nach dem Konzert ermöglichen.» Philipp Keller kann sich vorstellen, dafür die Restaurants und die Terrassen des KKL zu reservieren – betrieben nach den Regeln für die Gastrobranche.

Problemzone drei: Die Musiker

Auch für die Musiker wären in einem Sicherheitskonzept die Hygiene- und Distanzregeln auszuweisen. «Ein Orchester ist wie eine Fussballmannschaft und hat dieselben Probleme wie alle Teamsportarten», sagt Flücker. Bei Instrumentalisten sollte sich das Problem mit Abständen lösen lassen. Als ganz schwierig beurteilt sie Auftritte von Chören, weil durch das Singen Viren weitergeschleudert werden.

Das KKL verfügt über genügend Backstage-Räume, so Keller, in denen sich die Musiker verteilen können. Auf der Bühne könnte eine Lösung darin bestehen, dass Orchestermusiker bis hinauf auf die Orgelempore platziert werden. Hans Christoph Mauruschat (Festival Strings Lucerne) fände es sogar akustisch reizvoll, 16 Streicher auf der Bühne aufzufächern.

Das Luzerner Sinfonieorchester bei einem Konzert im KKL Luzern.

Das Luzerner Sinfonieorchester bei einem Konzert im KKL Luzern. 

Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 13. November 2019)

Problemzone vier: Ein «Care-Team» gegen die Angst?

Bleibt die Frage, ob das Publikum unter diesem Regime Lust hat, Konzerte zu besuchen. Vielleicht könnte ein «Care-Team» helfen, wie es bei Luigi Nonos «Prometeo» im Luzerner Theater das Publikum durch den Abend führte. Ein derart inszenierter Rahmen könnte den Coronakonzerten gar eine existenzielle Dringlichkeit und eine eigene Erlebnisqualität geben. Nach neuen Formaten suchen jetzt ohnehin viele Veranstalter. «Wenn das Coronavirus langfristig Bestandteil unseres Lebens und Alltags bleibt, wird die Veranstaltungsbranche umdenken müssen», sagt Haefliger: «Wohin das führt, kann man sich noch gar nicht vorstellen.»

Wann Konzerte im KKL wieder stattfinden, könne man gegenwärtig nur spekulieren, sagt Ursula Maria Flückiger. «Voraussetzung dafür ist, dass es keine zweite Welle gibt und die Massnahmen greifen, auch wenn der Lockdown gelockert wird. Dann meinte ich, dass Konzerte ab August wieder möglich sein werden.» Eine ganz andere Frage ist, wie weit die Ansteckungsrate zurückgehen muss, damit mehr als 1000 Leute ohne Abstand zu einer Veranstaltung gehen dürfen. Das wäre etwa für die Durchführung des Lucerne Festival nötig (vgl. unten). «Beurteilen kann man all das erst in fünf bis sechs Wochen», sagt Flückiger: «Bis da und wohl darüber hinaus, bleibt alles sehr spekulativ.»

Veranstalter sagt: 1000 Besucher wären das Aus

Sind Konzerte im KKL mit einer Beschränkung auf 1000 Besucher, wie das der Bundesrat heute vielleicht bekannt gibt, realistisch? Veranstalter zeigen sich hierzu in ersten Reaktionen skeptisch. «Lucerne Festival im Sommer», stellt Intendant Michael Haefliger klar, «könnte unter dieser Bedingung nicht durchgeführt werden.» Werner Obrecht (Obrasso Concerts) findet generell, unter Einhaltung der bundesrätlichen Distanzregeln wären Konzerte unmöglich. Für Pirmin Zängerle (City Light Concerts) ist es denkbar, zur Kompensation Konzerte zu wiederholen. «Ökonomisch ist das schwierig, aber noch schwieriger ist es, gar nichts zu machen», sagt Numa Bischof Ullmann (Luzerner Sinfonieorchester) und betont, wie dringlich für die Planung klare Angaben vom Bundesrat sind.