KKL: «Messiah» im Familienzirkel

Chor und Orchester des Ensembles Corund liessen gestern ihre «Messiah»-Tradition wieder aufleben. Und demonstrierten, wie man auch mit kleiner Besetzung grossen Klang gewinnt.

Urs Mattenberger
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Musizieren wie unter Freunden: Stephen Smith leitet Chor und Orchester des Ensembles Corund im KKL-Konzertsaal. (Bild: Nadia Schärli (26.12.2016))

Musizieren wie unter Freunden: Stephen Smith leitet Chor und Orchester des Ensembles Corund im KKL-Konzertsaal. (Bild: Nadia Schärli (26.12.2016))

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Claudio Abbado machte mit seinem Lucerne Festival Orchestra das grossorchestrale Musizieren aus dem Geist einer partnerschaftlichen Kammermusik zum Losungswort, das seither viele Dirigenten im Mund führen. Tatsächlich aber stammt dieses Musizieren wie unter Freunden aus dem Barock – und es dürften Ensembles in historischer Aufführungspraxis gewesen sein, die es für unsere Zeit wiederentdeckt haben.

Daran erinnerte gestern Nachmittag im KKL die Aufführung von Händels Oratorium «The Messiah» durch Chor und Orchester des Luzerner Ensembles Corund, die damit nach mehrjährigem Unterbruch ihre eigene «Messiah»-Tradition wieder aufgriffen. Mit je 20 Sängern und Instrumentalisten war hier zwar keine Grossformation am Werk. Aber dass man die massvolle Besetzung nicht als Defizit erlebte, lag an einer Interpretation, die auch in den Chören nicht grosse, gar plakative Gesten suchte, sondern die beweglichen Klangkörper für kammermusikalische Feinnervigkeit nutzte.

Beschwörung aus dem Nichts heraus

Die Visitenkarte dafür gab, nach einer Ouvertüre, in der man bereits den mehrfach wiederkehrenden, leichten Flügelschlag der Engel hörte, David Munderloh ab: Er liess seine geschmeidige Tenorstimme aus dem Nichts so zart aufblühen, als würde hier die Geschichte von Christi Geburt, von Passion und Auferstehung im intimen Familienzirkel erzählt, den auch die Aufstellung der Ausführenden um Stephen Smith am Cembalo suggerierte. Und wie unter Freunden wurde ohne Extreme, aber ausserordentlich lebhaft und individuell erzählt.

Dramatische Akzente setzten der Bass Jonathan Sells, wo er die Völker aufrüttelte, und Munderloh, als er den Spott der Ungläubigen drastisch auf die Spitze trieb. Die – nicht ganz homo­gene – Besetzung der Soli aus dem Chor erlaubte es, mit dem Wechsel vom introvertierteren Sopran von Stephanie Pfeffer zur Glanzstimme von Gabriela Bürgler den Wechsel von der Trauer zur Zuversicht zusätzlich zu verdeutlichen.

Bewegung wird Klang

Deren Spektrum reichte von zeitenthobenen Meditationen, in denen das Orchester dem Alt von Annina Haug raunende Katakombenklänge unterlegte, bis zum züngelnden Jubel. Statt grosses Chorvolumen zu forcieren, nutzte Smith mit lebhaften Tempi die Möglichkeit, Bewegung vielfältig in durchpulsten Klang zu übersetzen.

Dabei bestachen das akzentfreudige Orchester (Konzertmeisterin Christina Gallati) wie der Chor durch glasklare Präzision und setzten mit federleichtem Schwung jauchzende Akzente. Dass sich die Monumentalität, die zunächst Klagechöre in diesem Werk suggerieren, erst mit dem Zuzug der Pauken und Trompeten realisieren liess, verdeutlichte die Dramaturgie des Werks und verhalf ihm im «Halleluja» und mehr noch im Schlusschor zu einem auch äusserlich überwältigenden Eindruck. Der Publikumsapplaus bestätigte: Schön, dass dieser «Messiah» zurück ist.