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KKL: Russlands Witz und Sehnsucht

Das Luzerner Sinfonieorchester treibt mit Musik von Alfred Schnittke ein postmodernes Spiel mit Vergangenheit und Gegenwart. Der Geiger Vadim Gluzman steuert darin die grossen Emotionen bei.
Roman Kühne
Geiger Vadim Gluzman brillierte unter Dirigent James Gaffigan im Konzertsaal des KKL. (Bild: Manuela Jans-Koch (16. November 2017))

Geiger Vadim Gluzman brillierte unter Dirigent James Gaffigan im Konzertsaal des KKL. (Bild: Manuela Jans-Koch (16. November 2017))

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Am Schluss gehen die Musiker von der Bühne, einer nach der anderen, bis der Dirigent James Gaffigan alleine sein Stöcklein schwingt. Dies war auch die Art und Weise, wie Haydn vor 200 Jahren in seiner «Abschieds»-Sinfonie (Nr. 45) gegen die schwierigen Bedingungen protestierte.

Denn während der ganzen Sommersaison mussten die Musiker auf Schloss Esterházy getrennt von Familie und Liebsten leben. Wie Haydn auf Zehenspitzen als Letzter abgehen will, tritt der Fürst heran und legt ihm leise die Hand auf die Schulter: «Mein lieber Haydn! Ich habe verstanden. Die Musiker sehnen sich nach Hause ... Gut denn! Morgen packen wir ein.» Zumindest so will es die Geschichte.

Der heilige Dummkopf

Das Luzerner Sinfonieorchester greift am Konzert vom Mittwoch diese Episode auf. Mit dem Werk «Moz-Art à la Haydn» (1977) des Russen Alfred Schnittke steht dabei ein überaus witziges Stück auf dem Programm. Denn Schnittke verknüpft die Haydn-Anekdote mit einer «Fasnachtskomposition» von Mozart, dessen «Musik zu einer Pantomime» nur als Fragment erhalten ist. Und formt daraus eine Burleske, eine Komödie erster Güte.

Mit dem «losgelösten Schmunzeln eines ausserirdischen Besuchers beim Betrachten der Scherben einer toten Zivilisation» – so ein Kritiker – formt Schnittke die Teile neu, lässt Anspielungen einfliessen, schwankt zwischen Barock und Jazz. Ganz der russische Yurodivy, Harlequin und heiliger Dummkopf in einem, wirft er ein scharfes Licht auf die musikalischen Eigenheiten der damaligen Zeit, verdreht und überspitzt, ohne je die Leichtigkeit zu verlieren. Meisterhaft fliessen nicht nur die stilistisch unterschiedlichen Teile ineinander, meisterhaft wird das Stück auch von den Musikern des Luzerner Sinfonieorchesters aufgeführt. Vom «Stimmen» der Ins­trumente im dunklen Konzertsaal bis zum Schluss, wo die Künstler ihre Instrumente wieder entspannen und einzeln von der Bühne schleichen.

Die Solisten auf der Violine, die Konzertmeisterin Lisa Schatzman und der Stimmführer der zweiten Geige, David Guerchovitch, musizieren überzeugend und attraktiv. Spielend meistern sie die schnellen charakterlichen Wechsel, den Spagat zwischen aggressiven Tremoli und steppenhaften Sehnsuchtsresten. Herrlich ist das lang absteigende, wiehernde Glissando.

Glanzleistung des Solisten

Höhepunkt des Abends ist jedoch Schnittkes drittes Konzert für Violine und Kammerorchester. Der Solist, der aus der Ukraine stammende israelische Geiger Vadim Gluzman, erbringt eine Glanzleistung. Den schwierigen, dichten Geigenpart, die Linien, die sich mehr akkordisch denn melodiös entwickeln, spielt er hoch expressiv, gibt dem Stück Inhalt und Ziel. Das Orchester unter seinem Chefdirigenten James Gaffigan ist in beiden Stücken ein gleichwertiger Spiel- oder besser Sparringpartner. Denn während die Solovioline oft expressiv, ja angriffig klingt, breite Akkorde spielt, ist das Orchester im Hintergrund, wirft kleine Fragmente ein, meist sehr atonal.

Diese Spannung baut sich immer mehr auf, der Kampf spitzt sich zu. Die Musiker nehmen die solistischen Geschosse auf, zahlen mit gleicher Münze heim. Es entsteht ein attraktives Wechselspiel, das die Spannung bis zum Schluss des Stückes aufrechthält.

Neben diesen zwei spannenden Aufführungen haben es die anderen Stücke schwer. Das Luzerner Sinfonieorchester spielt Haydns Sinfonie Nr. 92 zügig und weich im Ton. Die Musiker setzen leichte Akzente, der Klang ist austariert. Im finalen Presto wird mit Witz durch den Satz getanzt. Doch vieles wirkt nett, aber etwas wenig inspiriert. Das Gleiche gilt für die im Programm auf den ersten Blick fremd wirkende Serenade Nr. 2 von Brahms, die aber mit ihrer verspielten Leichtigkeit hervorragend in den Abend passt.

1:0 für die Aktualität

Auch hier gibt es sehr schöne Momente: der schwebende Zauber des langsam und sanft interpretierten Menuetts, die Melancholie des Adagios, der herrliche Dialog zwischen Oboe und Klarinette. Aber es fehlt dem Stück an Schwung und Knackigkeit. Der Bläserklang ist nicht optimal austariert, nur selten leuchten die Farben. Der Schlusssatz gerät breit. Es fehlt ihm der – auch hier vorhandene – Witz. Dem Applaus nach zu schliessen, liess sich auch das Publikum mehr für das Aktuelle begeistern. Fazit: 1:0 für die Moderne.

Hinweis

Eben erschienen ist die Aufnahme aller Klavierkonzerte von Beethoven mit dem Luzerner Sinfonieorchester und dem Pianisten Oliver Schnyder: «Beethoven Project» (Sony, zwei CDs)

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