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KKL: Starke Solisten – flaches emotionales Profil

Die Johannes-Passion nur als Musikstück aufzuführen, wird ihr nicht gerecht. Dies taten die Camerata Vocale Freiburg und das Kammerorchester Basel. Ohne Schauspiel und Psychologie wird es fade. Zu den starken Akteuren gehörte eine Luzernerin.
Roman Kühne
Überzeugend: die Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann, begleitet vom Kammerorchester Basel. (Bild: Manuela Jans-Koch (30. März 2018))

Überzeugend: die Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann, begleitet vom Kammerorchester Basel. (Bild: Manuela Jans-Koch (30. März 2018))

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Die Johannes-Passion, die Schilderung von Jesus Tod, ist ein grosses Theater, ein Weltenspiel über Leiden, Strafe, Akzeptanz, Vertrauen, Verrat und Edelmut. Gleichzeitig beschreibt sie einen der wuchtigsten Pfeiler der christlichen Glaubensgeschichte. Es ist eine spannende, packende und berührende Erzählung.

Entsprechend emotional ist Johann Sebastian Bach ans Werk gegangen. Schon in den ersten Takten erfolgen Dissonanzen, Reibungen zwischen Oboe und Flöte. Es ist ein Schmerz, der die nahende Tragödie erahnen lässt. Im Zentrum steht das dramatische Verhör von Jesus, seine Erniedrigung, seine stoische Ruhe, seine Geisselung. Bald liegt er da, mit «blutgefärbtem Rücken», ein makabres Schauspiel für das nach Brutalität lechzende Volk und seine Würdenträger.

Parallelen zum heutigen Internetpranger

Die Chöre tragen die Hauptlast dieser Dramatik. Sie sind der Zorn der Menschenmenge. Parallelen zum modernen Internetpranger, zur kollektiven Verurteilungslust liegen auf der Hand. Aber die Chöre stehen auch über dem Geschehen, interpretieren die Ereignisse und weisen weit über das simple Erzählen hinaus.

Die Solisten bewegen sich ebenfalls im ständigen Sturm der Gefühle, spiegeln die Ereignisse, übertragen sie auf das Hier und Heute. Teils kontrastieren sie die Wut der Gemeinde, danken scheu für das Opfer und die Erlösung, wie in der Arie «Mein teurer Heiland». Sie widersprechen so des Volkes Bestrafungswut. Es ist eine grosse Erzählung, und die konstante Spannung stellt an alle Künstler grösste Anforderungen.

Doch diese werden am Freitag im KKL im Rahmen des Lucerne Chamber Circle nur ansatzweise erfüllt. Die Camerata Vocale Freiburg und das Kammerorchester Basel sorgen für packende, tiefe und gefühlvolle Momente. Unter der Leitung von Winfried Toll, langjähriger Dirigent des Chores, entwickelt sich ein körperhafter, dennoch nachdenklicher Schluss. Ein versöhnliches Sterben, sanft und erhaben. Schön werden die wellenförmigen Gebete vorwärtsgezogen. Der Klang geht sinfonisch auf und zu. Das Orchester hat ebenfalls Qualitäten. Die Musiker spielen auf historischen Instrumenten mit Querflöten aus Holz und alten Fagotten und Oboen. Im Basso continuo mit Fagott, Orgel und Cello gelingen lebendige, Akzente setzende Begleitungen. Die Flöten unterstützen perlend die Arie der Sopranistin.

Doch wo bleibt das Theater?

Für zwei Stunden Musikgeschehen ist dies aber zu wenig. Es fehlen über weite Strecken die zeichnenden, Charakter verleihenden Emotionen. Die Aufführung wirkt kühl, teils brav, beliebig gar. Die Dramaturgie der Komposition, die ineinanderprallenden Gefühle – nur ansatzweise spannt sich der grosse Bogen, blitzen Einfallskraft und Wagemut auf. Vieles kreist um einen Durchschnittswert. Bei den Sängern fehlen die eindringlichen Pianissimi, die strahlende Brillanz in den wuchtigen Tutti-Stellen. Das drohende Wispern in «Lässt du diesen los» verkommt zu flachen Zischlauten. Unter dem Dirigat von Winfried Toll bleibt im Orchester manches unverständlich.

Die jubilierenden Passagen, die in sich versinkenden, nachdenklichen Momente: Vieles ist eingemittet. Das grosse Theater, die psychologischen Kontraste, die Seele des Werkes wird nicht erfasst. Da gibt es in der Geschichte der oft gespielten Komposition ganz andere Beispiele. Erinnert sei nur an die vor zwei Jahren entstandene, sehr lebendige Aufnahme von René Jacobs mit der Akademie für Alte Musik Berlin und dem Rias-Kammerchor. Eine Einspielung, die den Hörer tief tauchen lässt, ihn regelrecht ins Geschehen einbezieht.

Zum Glück heben sich die Solisten teils deutlich ab. Allen voran Bariton Daniel Ochoa. Mit kräftiger Gestaltung, weit und tragend, spielt er den – zumindest bei Bach – selbstbewusst in den Tod gehenden Jesus. Überzeugend verteidigt er sich in der Gerichtsfarce («Du hättest keine Macht über mich»). Tenor Christoph Prégardien lebt aktiv durch die Szenen, schildert als Evangelist erlebnisnah den Moment des Todes. Zwar etwas hart in der Kopfstimme, interpretiert er klar, ist die treibende Kraft der Handlung.

Und dann ist da noch die Luzernerin Regula Mühlemann. Sie bringt etwas vom Strahlen ins KKL, das man sonst sehnsüchtig vermisste. Mit runder Stimme, brillant in der Höhe setzt sie ein kräftiges Highlight. Der die tiefen Lagen füllende Benoît Arnould ist etwas unklar in den schnelleren Passagen, inspiriert aber im wogenden «Mein teurer Heiland.» So gelingt es, dieser Interpretation der Johannes-Passion wenigstens etwas von dem ihr gebührenden Leben einzuhauchen.

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