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KKL: Totenmesse als Signal für die Zukunft

James Gaffigan bleibt bis 2022 Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters. Noch vor der Bekanntgabe gab es für ihn Bravos nach der Aufführung von Verdis Requiem.
Emotionen schon vor dem Konzert: Intendant Numa Bischof dankte und umarmte James Gaffigan (hinten) gestern zur Vertragsverlängerung. (Bild: Manuela Jans)

Emotionen schon vor dem Konzert: Intendant Numa Bischof dankte und umarmte James Gaffigan (hinten) gestern zur Vertragsverlängerung. (Bild: Manuela Jans)

Urs Mattenberger

Ein Orchester, das regelmässig mit Topsolisten auftritt, muss sich etwas Besonderes einfallen lassen, wenn es zum Saisonabschluss überraschen will. Das Besondere war am Mittwoch im Schlusskonzert des Luzerner Sinfonieorchesters zunächst das Werk: Giuseppe Verdis Requiem, das mit seinem Grossaufgebot mitsamt Chor und Solisten die Grenzen sprengt und allein schon physisch überwältigt. Den Traum, dieses Werk in Luzern aufzuführen, hatte sich Chefdirigent James Gaffigan symbolisch am Ende seines fünften Jahres erfüllt.

Paradigmawechsel beim LSO

Wer dachte, das könnte auch ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk sein, weil Gaffigan wie die Chefdirigenten vor ihm – nach fünf Jahren Luzern bald verlassen würde, sah sich getäuscht. Die eigentliche Überraschung zum Saisonabschluss gab LSO-Intendant Numa Bischof Ullmann bei der gestrigen Wiederholung des Konzertes bekannt: James Gaffigan hat seinen Vertrag als Chefdirigent in Luzern soeben um fünf Jahre bis 2022 verlängert.

Das ist nichts weniger als ein Paradigmawechsel: Erstmals benutzt ein international gefragter, junger Dirigent Luzern nicht als Sprungbrett, sondern ist bereit, hier langjährige Aufbauarbeit zu leisten. Welches Niveau diese erreicht hat, führte die Aufführung des Requiems so demonstrativ vor, dass sich das Publikum schon am Mittwoch ebenso demonstrativ zu Standing Ovations erhob.

Das wog umso mehr, als Gaffigan eine Aufführung bot, die keineswegs nur durch die Schlagkraft des virtuos beherrschten Riesenapparates überwältigte. Auch diesbezüglich liess dieses Requiem zwar keine Wünsche offen: Das «Dies Irae», in dem Verdi Höllenkräfte entfesselt, entfaltete seine Kraft ohne plumpe Bombastik aus messerscharf gesetzten Akzenten von Chor und Orchester. Das eigentliche Qualitätssiegel der Aufführung war aber, wie sie ein enorm breites Spektrum vom Pianissimo-Wunder bis zum schlagkräftigen Eklat gestalterisch ausfüllte. Beispiele für die Klangkultur, die Gaffigan im Gespräch mit unserer Zeitung in den Vordergrund rückte, waren das sich nathlos aus der Stille lösende «Requiem aeternam» wie das ewige Licht, das hier so fein zerstäubt glimmte wie eine Avantgarde-Klangwolke von György Ligeti.

Den Raum zwischen den Extremen nutzten der Dirigent und das Orchester für viele kammermusikalische Feinheiten: Da züngelten Fagotte und Klarinetten, dort beschwörte die Oboe pastoralen Frieden, das glänzend disponierte Blech steuerte nicht nur schmetternde Attacken, sondern tänzelnden Jubel bei. Dazu passte, dass Gaffigan auch mit dem Staatlichen Chor Lettland nicht auf pauschale Masse setzte. Von den unglaublich kernigen Männerstimmen über den dunkel leuchtenden Alt bis zu den Sopranspitzen war das ein Chorklang, der immer wieder andere Schraffuren ermöglichte, den vielstimmigen «Sanctus»-Jubel umrissscharf nachzeichnete und selbst dem Flüsterton in Grabesstille mit präziser Diktion zu suggestiver Präsenz verhalf.

Ein Engel wird menschlich

Die Spannweite von Intimität und weltumarmender Geste führte das phänomenale Solistenquartett weiter. Der metallige Schmelz des Tenors Giorgio Berrugi, der geschmeidig strömende aber kaum textverständliche – Mezzosopran von Ekaterina Semenchuk und der schillernde Bass von Alexander Tsymbalyuk waren voluminöse Stimmen, die sich zum Gebetston verschlankten oder den Konzertsaal mit opernhaften Emotionen ausfüllten.

Wie sich die Sopranistin Maria Agresta stimmlich wandelte vom Engel zur irdischen Leidensgestalt, war ein Ereignis für sich. Als die Sängerin vom nochmals aufflammenden «Dies Irae»-Schrecken bedrängt wurde, verhalf das dem Werk zu einem über alles Musikalische hinaus ergreifenden Abschluss. Einen besseren Rahmen hätte das Luzerner Sinfonieorchester nicht wählen können, um die Vertragsverlängerung mit diesem Chefdirigenten bekannt zu geben. Die grösste Bestätigung dafür war, dass schon am Mittwoch das Publikum den Dirigenten mit einem Bravosturm verdankte, wie man es bei LSO-Konzerten kaum je erlebt.

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